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im Rheinland

11./12. Juni 1943: Das Ständehaus - Ein Symbol rheinischer kommunaler Selbstverwaltung versinkt in Trümmern

Schwerer Fliegerangriff auf Düsseldorf

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Düsseldorf, Sitz des Rheinischen Provinziallandtags und der Provinzialverwaltung, wie viele andere Städte auch zum Kriegsziel. Nach ersten Attacken im Mai 1940 folgten bis Kriegsende insgesamt neun schwere und 234 mittlere und leichtere Fliegerangriffe durch alliierte Bomber auf die Stadt, deren Bedeutung als Verwaltungssitz und Industriezentrum bekannt war.[1]

Bereits in der Nacht des 10. September 1942 wurde das Landeshaus durch mehrere Brandbombentreffer in Mitleidenschaft gezogen. Das von 1909 bis 1911 nach Plänen des Architekten Hermann vom Endt errichtete Bauwerk diente dem Provinzialverband der preußischen Rheinprovinz als Sitz der Zentralverwaltung sowie die angrenzende "Villa Horion" als Dienstwohnung des Landeshauptmanns.[2]


Der Angriff am 10. September 1942, der von ca. 23 Uhr bis gegen 1.30 Uhr andauerte, betraf mit Ausnahme der nördlichen Gebiete alle Stadtteile Düsseldorfs. Ein Bericht der im Gebäude als "Luftschutzdienst" eingeteilten Personen vermittelt einen lebendigen Eindruck von den Schrecken und Gefahren des Bombenkriegs.[3] Selbst im Vorraum des Luftschutzkellers waren die Druckwellen der detonierenden Bomben noch zu spüren. Nachdem die kleineren Treffer durch Brandbomben zunächst keine ernsthafte Gefahr darstellten, entwickelte sich im hölzernen Dachstuhl ein Brand, der mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht gelöscht werden konnte. Im Laufe der Nacht breitete sich der Brand immer weiter aus, da mehrere Löschversuche scheiterten. Erst in den frühen Morgenstunden gelang es unter Hinzuziehung einer Werksfeuerwehr der Firma Mannesmann, die Brände einzudämmen. Zwischenzeitlich hatte der südliche Rheinflügel massive Schädigungen davongetragen. Allerdings waren hier weder Tote noch Verletzte zu beklagen, wohingegen der Angriff ansonsten zahlreiche Todesopfer forderte.[4]


Am 11. Juni 1943 starteten insgesamt 693 britische Bomber von ihren Flugplätzen in England mit dem Ziel Düsseldorf. Bei dem verheerenden "Pfingstangriff" wurde die gesamte Innenstadt zerstört, wobei auch das Ständehaus, der Sitz des Rheinischen Provinziallandtages, schwer getroffen wurde.[5] Wiederum war es den Brandwachen während des Bombardements nicht möglich, überhaupt ins Freie zu gelangen oder sogar entstehende Brände zu bekämpfen. Noch bevor die allgemeine Entwarnung gegeben worden war, begannen die Posten, die durch 'Zöglinge' verschiedener Fürsorgeeinrichtungen ergänzt wurden, mit den Löscharbeiten, die allerdings dadurch behindert wurden, dass die Schläuche beschädigt waren oder die wasserführenden Steigleitungen durch die Hitze schlicht schmolzen. Bald stand der gesamte Dachstuhl in Flammen, sodass sich die Löschtrupps darauf konzentrierten, wichtige Gebäudeteile, Dienstzimmer und Registraturen zu retten, was letztendlich nur teilweise gelang. Für ihren Einsatz wurden mehrere Beteiligte für verschiedene Auszeichnungen vorgeschlagen, wobei die 'Fürsorgezöglinge' explizit genannt wurden.[6]

Mit dem Ständehaus wurde das zweite wichtige Gebäude des Provinzialverbandes in Düsseldorf neben dem bereits beschädigten Landeshaus funktionsuntüchtig. Seit seiner Fertigstellung im Jahr 1880 hatte es als Tagungsort der Rheinischen Provinziallandtage gedient, die gleichwohl seit Dezember 1933 entmachtet waren.[7] In der Folge wurden die Verwaltungsteile aus Düsseldorf an unterschiedliche Standorte – z. B. Wuppertal – verlegt, wo sie bis Kriegsende unter sich verschlechternden Kriegsbedingungen weiterarbeiteten.


Die Berichte zu den Bombenschäden am Stände- sowie am Landeshaus sind nicht die einzig erhaltenen Quellen zu den Kriegseinwirkungen. Heinrich Haake, seit 1933 Landeshauptmann des Provinzialverbandes und Mitglied der NSDAP, ließ systematisch Berichte zu den Kriegsbeschädigungen an Einrichtungen und Liegenschaften des Provinzialverbandes erstellen. Diese gingen auf seinen Wunsch zusammen mit anderen nach seiner Meinung wichtigen Unterlagen in ein sogenanntes "Kriegsarchiv" ein, das sich mit geringen Verlusten erhalten hat. Auf diese Weise lassen sich die Auswirkungen des Krieges auf Einrichtungen wie die damalige Arbeitsanstalt Brauweiler, die Heil- und Pflegeanstalten Bedburg-Hau sowie Viersen-Süchteln oder Berichte des Provinzialkonservators über Schäden an Kölner Baudenkmälern erfassen.[8] Daneben finden sich auch Berichte zum Kunstschutz in Rheinland sowie Stücke, die keinen nachvollziehbaren Zusammenhang zum Kontext erkennen lassen. Darunter fällt ein Exemplar des Gedichts "Us der Ewigkeit" von Willy Ostermann, das dem aus Köln stammenden Heinrich Haake vielleicht besonders wichtig war.[9]

Trotz der Schäden überstanden sowohl das Stände- als auch das Landeshaus den Krieg und wurden, nachdem die notwendigen Reparaturen durchgeführt worden waren, wieder genutzt. Im Landeshaus waren verschiedene Ministerien untergebracht, sodass auch der spätere Bundespräsident Heinrich Lübke als Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten zwischenzeitlich im Landeshaus residierte. Bis 1996 fungierte es als Sitz des Arbeits- und Sozialministeriums. Die Mitarbeitenden des aufgelösten Provinzialverbandes gingen als sogenannte Abteilungen "P" vorübergehend in verschiedenen Ministerien auf. Mit der Gründung des Landschaftsverbandes Rheinland 1953 wechselten viele dieser Beschäftigten erneut den Dienstherrn und blieben bis zum Umzug der Zentralverwaltung nach Köln-Deutz im Jahr 1959 in der Landeshauptstadt. Das Ständehaus beherbergte ab 1949 bis 1988 den Landtag des neugeschaffenen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Die „Villa Horion“ diente vorerst als britisches Offizierskasino, um ab 1956 Sitz der Staatskanzlei zu werden. Diese Funktion verlor sie erst 1999.


[1] Eine Übersicht über die Geschichte Düsseldorfs während des Zweiten Weltkriegs bietet: Weidenhaupt, Hugo: Kleine Geschichte der Stadt Düsseldorf. Düsseldorf 1962, Seite 167 ff.

[2] Zu Geschichte des Baus siehe: Grothe, Ewald: Vom Katholikentag zum Fest der Generationen. Die Geschichte des Landeshauses und der Villa Horion 1909 bis 2009. Düsseldorf 2009, Seite 8 ff.

[3] ALVR, Nr. 10538

[4] Laut Benedikt Mauer wurden allein in dieser Nacht über 40.000 Brandbomben durch englische Bomber abgeworfen. Siehe: Mauer, Benedikt: Düsseldorf im Bombenkrieg; online abrufbar: Beitrag auf www.duesseldorf.de (abgerufen am: 5.6.2014)

[5] ALVR, Nr. 10538.

[6] Insgesamt starben durch diesen Angriff 618 Menschen; 3276 Personen wurden verwundet. Siehe: Mauer, Benedikt: Düsseldorf im Bombenkrieg, online abrufbar: Beitrag auf www.duesseldorf.de (abgerufen am 5.6.2014)

[7] Zum Ständehaus, vor allem aus architektur- und kunstgeschichtlicher Sicht siehe: Druschel, Wolfgang: Provinzial-Ständehaus, in: Düsseldorf, eine Stadt zwischen Tradition und Vision. Bauten einer Landeshauptstadt, herausgegeben von Edmund Spohr und Hatto Küffner. Kleve 2002, Seite 42 ff.

[8] ALVR, Nr. 10532

[9] ALVR, Nr. 10541


Weiterführende Quellen und Literatur

  • ALVR, Bestand 0 Besatzung
  • ALVR, Bestand Archiv der Provinzialstände
  • Düsseldorf, eine Stadt zwischen Tradition und Vision. Bauten einer Landeshauptstadt, hrsg. von Edmund Spohr und Hatto Küffner. Kleve 2002
  • Grothe, Ewald: Vom Katholikentag zum Fest der Generationen. Die Geschichte des Landeshauses und der Villa Horion 1909 bis 2009. Düsseldorf 2009
  • Hüttenberger, Peter: Düsseldorf. Geschichte von den Ursprüngen bis ins 20. Jahrhundert. Bd. 3: Die Industrie- und Verwaltungsstadt (20. Jahrhundert), hrsg. im Auftrag der Landeshauptstadt von Hugo Weidenhaupt. Düsseldorf 1990
  • Mauer, Benedikt: Düsseldorf im Bombenkrieg, online abrufbar:
    Beitrag auf www.duesseldorf.de (abgerufen am 5.6.2104)
  • Steinacker, Olaf: Bombenkrieg über Düsseldorf. Nach einer Serie in der Westdeutschen Zeitung. Gudensberg-Gleichen 2003
  • Zimmermann, Wolfgang: In Schutt und Asche. Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Düsseldorf. Düsseldorf 1995

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