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im Rheinland

Der Provinzial- bzw. Landeskonservator Franz Graf Wolff Metternich († 25. Mai 1978)

„Der Graf, der die Mona Lisa vor Göring schützte“

Mit dieser Schlagzeile und einem ausführlichen Artikel würdigte die Kölnische Rundschau den am 25. Mai 1978 verstorbenen Franz Graf Wolff Metternich. Die ebendort veröffentlichte Todesanzeige des 84-Jährigen führt eine lange Liste von Ämtern, Titeln und Auszeichnungen auf:

  • Dr. phil. Dr.-Ing. h.c., Honorarprofessor der Universität Bonn, ehemals Landeskonservator von Nordrheinland
  • Direktor emeritus und wissenschaftliches Mitglied der Bibliotheca Hertziana in Rom, Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte
  • Ehrenpräsident des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Landschaftsschutz
  • Ehrenbailli und Inhaber des Großkreuzes des Souveränen Malteser-Ritter-Ordens
  • Inhaber des Großen Verdienstkreuzes mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
  • Großoffizier des Verdienstordens der Italienischen Republik
  • Komtur des Päpstlichen Sankt-Gregorius-Ordens
  • Offizier der Französischen Ehrenlegion
  • Inhaber des Eisernen Kreuzes I. und II. Klasse 1914 und anderer hoher Auszeichnungen


Dieses augenscheinlich bewegte Leben begann am Silvestertag 1893. Franziskus, genannt Franz, war der jüngste Sohn von Reichsgraf Ferdinand Wolff Metternich zur Gracht (1845–1938) und Flaminia Prinzessin zu Salm-Salm (1853–1913). Seine Kindheit verbrachte er auf dem Familienstammsitz Schloss Gracht bei Köln. Er zeigte früh eine große Heimatverbundenheit und ein besonderes Interesse an rheinischer Kunst und Architektur. Deshalb nahm er nach dem Abitur 1913 das Studium der Kunstgeschichte und Denkmalpflege bei dem berühmten Denkmalpfleger und Kunstschützer Paul Clemen in Bonn auf. Kurz nach Studienbeginn brach der Erste Weltkrieg aus und Wolff Metternich wurde zu den Kavallerie-Husaren eingezogen. Nach einer schweren Verwundung konnte er erst nach dem Ende seines Heeresdienstes im Herbst 1919 das Studium wieder aufnehmen. Die Eindrücke von kriegszerstörten Kirchen und Schlössern bestärkten ihn in seinem Berufswunsch, sich der Denkmalpflege zu widmen. Er reiste für seine Doktorarbeit über die Renaissance in der rheinischen Baukunst durch ganz Europa und hielt sich mehrere Monate zu Recherchen in Rom auf. 1923 erwarb er den Doktorhut und wurde im folgenden Jahr von der Stadt Köln für die Mitarbeit an der Jahrtausendausstellung 1925 angestellt. Nach deren Ende kam Wolff Metternich zu der Dienststelle, der er in den nächsten drei Jahrzehnten angehören sollte: das Amt für Denkmalpflege bei der Rheinischen Provinzialverwaltung. Zunächst war er als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter des Provinzialkonservators Edmund Renard (1871–1932) tätig, dann trat er 1928 dessen Nachfolge an. Als Provinzialkonservator stand er an der Spitze der Denkmalpflege in der Rheinprovinz, die für die Erfassung, Erhaltung und Instandsetzung von historisch, künstlerisch und architektonisch bedeutenden Gebäuden und Denkmälern zuständig war. Wie seine beiden Vorgänger, Clemen und Renard, lehrte Wolff Metternich auch an der Universität Bonn: 1933 erhielt er einen Lehrauftrag und 1940 eine Honorarprofessur für Denkmalpflege und rheinische Kunst.


Als 1939 der Zweite Weltkrieg begann, wurde Wolff Metternich rasch vom Heeresdienst freigestellt, um das bewegliche Kunstgut im Rheinland zu bergen und zu sichern und Schutzmaßnahmen für bedeutende Gebäude einzurichten. Doch bereits im nächsten Frühjahr finden wir ihn im „westlichen Operationsgebiet“.

Wolff Metternich sollte die im Rheinland begonnene Sicherung von Kulturgut von nun an im besetzten Nord- und Westfrankreich organisieren als „Der Beauftragte für Kunstschutz beim Oberkommando des Heeres“. Der militärische Kunstschutz war nach dem Haager Abkommen von 1907 dazu bestimmt, den beweglichen Kunstbesitz und die feststehenden Kulturgüter wie Denkmäler und Gebäude im besetzten Gebiet vor Kriegseinwirkungen – Brand, Zerstörung und Plünderung – zu schützen. Es war ein Glück, dass Wolff Metternich diese Aufgabe sehr ernst nahm. Er verstand das französische Kulturgut als Kulturerbe der ganzen Menschheit. Sein ausgezeichnetes Französisch und die persönlichen Verbindungen zu französischen Adeligen und führenden Katholiken – er war Mitglied des Malteserordens – schufen eine Vertrauensbasis für die Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen der französischen Museen. So konnte gemeinsam und teilweise im Geheimen manche Plünderung der staatlichen Museen abgewehrt werden, und auch unter deutscher Kontrolle blieb die Mona Lisa mit anderen Louvre-Schätzen an abwechselnden Bergungsorten sicher verwahrt. Private, vor allem jüdische Kunstsammler dagegen konnten vor Enteignungen kaum geschützt werden. Als Mitarbeiter wählte Wolff Metternich ihm gleichgesinnte, vertraute Kollegen aus dem Denkmalamt, von rheinischen Universitäten und Museen. Die Kunstschützer hatten ihre Zentrale im Pariser Hotel Majestic. Von hier aus starteten sie Rundreisen, um die von den Franzosen organisierte Bergung der Kunstwerke zu überprüfen und weiterzuführen, Kriegsschäden an wichtigen Gebäuden und Denkmälern zu begutachten und deren Sicherung und Reparatur zu veranlassen sowie kunsthistorisch bedeutende Schlösser vor Truppenbelegung zu bewahren.


Nur zwei Jahre konnte Wolff Metternich in diesem Sinne wirken, dann griffen die ihm längst kritisch gegenüberstehenden Personen wie der exzessive Kunstsammler Hermann Göring und Kunstraub-Institutionen wie der Einsatzstab Rosenberg durch und veranlassten seine Beurlaubung, im Oktober 1943 schließlich seine Entlassung. Wolff Metternich kehrte ins Rheinland zurück, um sich auf seiner alten Stelle wieder dem heimischen Kunstschutz zu widmen. Nach Kriegsende wurde er schnell entnazifiziert, da sein guter Leumund u.a. vom Direktor des Louvre bezeugt wurde. Auch half er der Abteilung „Monuments, Fine Arts and Archives“ der alliierten Streitkräfte, die von den Nazis verschleppten Kunstschätze wiederzufinden. Es entstanden Freundschaften zu mehreren „Monuments Men“, u.a. zum Briten Lionel Perry, der ihn im Namen der Militärregierung im Mai 1946 wieder ins Amt des Provinzialkonservators (ab 1947 Landeskonservator) einsetzte. So konnte sich Wolff Metternich dem Wiederaufbau der vom Krieg besonders hart getroffenen Kulturgüter der Rheinregion widmen.


Wolff Metternichs Leistungen, sein internationales Ansehen sowie seine persönlichen und beruflichen Netzwerke qualifizierten ihn für die Übernahme diplomatischer Aufgaben im isolierten Nachkriegsdeutschland. Ab 1950 wirkte er als Leiter des Wissenschaftsreferates der Kulturabteilung im Auswärtigen Amt und wurde dann als Kulturattaché nach Rom entsandt. Hier engagierte er sich für die Wiedereröffnung der deutschen Kulturinstitute. 1953 wurde er Direktor der Bibliotheca Hertziana. Es gelang ihm bis zu seiner Emeritierung 1968, die wissenschaftliche Bedeutung dieses vor dem Krieg hochangesehenen Instituts für Kunstgeschichte zu erneuern. Er selbst kehrte zu seinen Wurzeln als Kunsthistoriker zurück und widmete sich der Erforschung der Baugeschichte des Petersdoms.

In den nächsten Jahrzehnten wurde Wolff Metternich vielfach für sein Engagement in der Denkmalpflege und im militärischen Kunstschutz ausgezeichnet, so erhielt er 1958 das Bundesverdienstkreuz und wurde 1964 in die französische Ehrenlegion aufgenommen. 1973 erschien anlässlich seines 80. Geburtstags eine Festschrift, die seine herausragende Rolle im Kunstschutz würdigte.


Ergänzend zu den Wolff Metternich betreffenden Akten der Denkmalpflege im Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland wird sein Nachlass mit dem thematischen Schwerpunkt Kunstschutz derzeit verzeichnet und den „Vereinigten Adelsarchiven im Rheinland e. V.“ als Depositum übergeben. Auf dem 48. Rheinischen Archivtag am 26. / 27. Juni 2014 in Kleve wird über die Erschließung berichtet werden.

48. Rheinischer Archivtag am 26. / 27. Juni 2014 in Kleve


Weiterführende Quellen und Literatur:

  • ALVR, Bestand Provinzialverwaltung - Landeskonservator, Kunstdenkmäleraufnahme Rheinland
  • Franz WOLFF METTERNICH, Die spätgotische Loggia in Binsfeld, eine stilkritische Studie zur niederrheinischen Profanarchitektur im letzten Viertel des 15. und im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts (Dissertation), Bonn 1928.
  • Franz WOLFF METTERNICH, Der Kriegskunstschutz in den besetzten Gebieten Frankreichs und in Belgien. Organisation und Aufgaben, in: Deutsche Kunst und Denkmalpflege 1942/43, S. 26–35.
  • Franz WOLFF METTERNICH, Die Erbauung der Peterskirche zu Rom im 16. Jahrhundert, Teil 1 Katalog der Entwürfe (Römische Forschungen der Bibliotheca Hertziana 20), Wien / München 1972.
  • Festschrift für Franz Graf Wolff Metternich (zum 80. Geburtstag), mit Beiträgen von H. Adenauer, H.M. Baillie, A. Becker u.a., (Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz Jahrbuch 1974), Schriftleitung Josef RULAND, Neuss 1973, S. 17–44.
  • Anja HEUSS, Kunst- und Kulturgutraub. Eine vergleichende Studie zur Besatzungspolitik der Nationalsozialisten in Frankreich und der Sowjetunion, Heidelberg 2000.
  • Christina KOTT, Der deutsche „Kunstschutz“ im Ersten und Zweiten Weltkrieg, in: Pariser Historische Studien 81, 2007, S. 137–153.
  • Christina KOTT, „Den Schaden in Grenzen halten...“. Deutsche Kunsthistoriker und Denkmalpfleger als Kunstverwalter im besetzten Frankreich, 1940-1944, in: Kunstgeschichte im „Dritten Reich“. Theorien, Methoden, Praktiken, hg. v. Ruth HEFTRIG, Olaf PETERS und Barbara SCHELLEWALD, Berlin 2008, S. 362–392.
  • Christof THOENES, Kontinuität. Die Bibliotheca Hertziana unter Franz Graf Wolff Metternich (1953–1963), in: 100 Jahre Bibliotheca Hertziana – Max Planck Institut für Kunstgeschichte. Die Geschichte des Instituts 1913–2013, hg. v. Sibylle EBERT-SCHIFFERER unter Mitarbeit von Marieke VON BERNSTORFF, München 2013, S. 144–153.
  • Alois THOMAS, Kunstschutz und Kunstentfremdung im Krieg 1939 bis 1945 in Frankreich, in: Festschrift für Franz Graf Wolff Metternich (s. oben), S. 17–44.

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