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im Rheinland

"Ein herrlicher Morgen – Ihr seht, man kann auch im Felde ganz vergnügt sein"

22. September 1914 – Der 27. Geburtstag Hans Carl Scheiblers in den Ardennen

Hans Carl Scheibler (1887-1963) entstammte der bekannten Unternehmerfamilie Scheibler, die ihre hessischen Wurzeln bis ins 14. Jahrhundert zurückführen kann und sich im 17. Jahrhundert im Rheinland und in Westfalen ansiedelte. In Monschau ging im 18. und 19. Jahrhundert aus der protestantischen Gelehrtenfamilie eine Tuchmacher- und Industriellendynastie hervor, deren Produkte europaweit geschätzt waren.[1] Das heute als Museum zugängliche „Rote Haus“ in Monschau ist als Wohn- und Geschäftshaus über 200 Jahre in Familienbesitz gewesen. Es ist Ausdruck des Scheiblerschen Erfolges in verschiedenen Gewerbezweigen und bürgerlich-patrizischer Prachtentfaltung. Einige Zweige der Familie stiegen in den Adel auf, während andere Scheiblers die Ehe mit Adligen eingingen. So entstammte Hans Carl Scheiblers Mutter, Bertha Maria Emilia von Mallinckrodt (1856-1915), einer alten Adels- und Industriellenfamilie. Sein Vater, Carl Johann Heinrich (1852-1920) war mit seiner „Chemischen Fabrik Kalk“ einer der Gründer der Kölner Chemieindustrie. Nach Schule und Erstem Weltkrieg übernahm Hans Carl die Düngemittelsparte und 1920 die gesamte Geschäftsführung. Gleichzeitig sorgte er als Konsul der Niederlande und Mitglied der Kölner Deutsch-Niederländischen Gesellschaft für die Einrichtung des Deutsch-Niederländischen Instituts der Universität zu Köln. Er engagierte sich in der Zeit des Nationalsozialismus für das Wallraf-Richartz-Museum und den Kölnischen Kunstverein, der ihn aus Dank 1957 zum Ehrenmitglied ernannte.


Hans Carl Scheiblers Bemühungen um die Dokumentation der Familiengeschichte mündeten in der Überführung des „Roten Hauses“ 1963 in eine Museumsstiftung und der Abgabe des Familienarchivs an das Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland als Depositum. Hier finden sich u.a. sein Kriegstagebuch, Briefe und Feldpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg.[2]

Hans Carl Scheibler diente als Leutnant im II. Hessischen Leibdragoner-Regiment 24, das in Darmstadt stationiert war. Zu den mit ihm reitenden Offizieren gehörten Adlige und Industriellensöhne. Hans Carl Scheibler schloss mit Freunden noch am 1. August, dem Tag der Mobilmachung, hohe Wetten ab, dass dieselbe „nur eine vorläufige Maßnahme sei und der Krieg noch vermieden werden würde“.[3] Als die Mobilmachung ausgehängt war, verabschiedete er sich rasch von den Eltern, aß mit Bekannten im Savoy-Hotel zu Abend, trank in Bonn noch ein Glas Sekt mit Freunden und fuhr dann mit dem Auto nach Darmstadt.

Das eigentlich neutrale Belgien wurde als Durchmarsch- und Kampfgebiet in den vier Jahren des Krieges besonders hart getroffen; gemäß dem erfolglosen Schlieffen-Plan hätte der deutsche Nordflügel von hier aus die französische Armee im Rücken treffen sollen.[4] Am 13. August rückte Scheiblers Truppe von Frankreich ins südliche Belgien vor. In der dritten Woche erlebte er seine erste Schlacht in dem Gebiet. „Wir halten auf einem Felde von Toten, mitten dazwischen tiefe Löcher, wo die Granaten eingeschlagen haben. Der Krieg ist furchtbar.“[5] Sein Verwandter Christoph von Andreae, der aus einer angesehenen protestantischen Familie von Seidenproduzenten und geadelten Kölner Politikern stammte, wurde als erster der Offiziere verwundet und starb, Scheibler übernahm sein Pferd: „Meine Pferde, ich reite ‚Casimir‘ von Christoph, sind sehr zusammengefallen, 14 Tage fast immer unter dem Sattel, es ist viel für die armen Tiere.“[6]


Anfang September rückten die Dragoner nach Süden, ins französische Departement Meuse, vor und quartierten sich in Sermaize-les-Bains, auf der Höhe von Paris und Nancy, in einem Chateau ein – „fast das einzige Haus im Ort, das noch steht“.[7] Die Tage waren geprägt von langem Warten, Kartenspiel, Zusammensuchen von Essen (mit wachsender Sehnsucht nach Brot und Butter), Granatfeuer und Gefechten. Zu seiner Überraschung stellte er fest, er „habe urplötzlich Nerven bekommen und muß manchmal die Zähne zusammenbeißen, um mir nichts merken zu lassen. Ich sprach mit einigen anderen Leuten darüber; es hat fast allen eine Zeitlang so gegangen…“[8]

Am 9. September erhielten die Dragoner die Nachricht, dass sie zu weit vorgerückt seien, ohne dass die Armee gefolgt war. Tatsächlich war der Vormarsch der Deutschen durch eine englisch-französische Gegenoffensive in diesen Tagen zur Umkehr gezwungen worden.[9] So waren die Dragoner ab Mitte September im entvölkerten Ort Beffu-et-le-Morthomme in den Ardennen stationiert und warteten auf neue Befehle. „Vom Regiment Nr. 116 sind fast alle Offiziere gefallen… In solchen Augenblicken ärgert man sich über jede Zeitung mit ihren dummen ‚Hurra‘-Überschriften. Der Krieg sieht hier draußen anders aus. Es ist Ernst, bitterer Ernst und man freut sich über die Leute, die es verstehen, sich in diesem Ernste noch hochzuhalten und zu lachen.“[10]


Gelegenheit dazu fand sich am 22. September 1914, als Hans Carl Scheibler 27 Jahre alt wurde. Im Brief an seine Familie vom nächsten Tag schwärmte er von einem herrlichen, sonnigen Herbstmorgen, an dem sie auf den seit zehn Tagen geschonten und erholten Pferden einen langen Ausritt machten. Bei seiner Rückkehr kamen alle Leute angelaufen, um ihm die Hand zu schütteln und Glück zu wünschen:

„Mir haben noch nie so viele Leute gratuliert… und am Abend war große Geburtstagsfeier in unserm Casino. Carl Hei hatte 20 km entfernt ein Faß Wein=50 Liter herbeigeschafft und wurden Gäste eingeladen.

Speisenfolge: Reis-Suppe auf Schweineknochen.

Hammelnieren.

Kalbsrücken mit Kartoffeln und Wirsing.

Brombeer- und Apfelkompott.

Frisches Brot und Butter mit Käse,

– besonders der Schluß war fabelhaft. Das Essen war lange überlegt und vorbereitet worden, denn leicht ist die Verpflegung in den ausgestorbenen Nestern nicht mehr. Lersner überreichte einen riesigen Blumenstrauss. Graf Königsmarck hielt die Ansprache und Issendorf schoß mit einer richtigen „Upmann“ den Vogel ab. Ihr seht, man kann auch im Felde ganz vergnügt sein. Wie lange wir noch hier bleiben, wissen wir nicht, doch wahrscheinlich noch einige Zeit, da unsere Front noch stehen bleiben soll. Mit den herzlichsten Grüßen Hans Carl“[11]


Im Frühjahr wurden die Dragoner nach Osten verlegt, im April 1915 erreichten die Familie Postkarten aus dem westpreußischen Elbing und Tilsit. Scheibler wurde am 1. Mai 1915 im litauischen Joniškis am rechten Arm schwer verwundet und kam in russische Kriegsgefangenschaft. Als Offizier und mit von zu Hause angewiesenem Bargeld scheint es ihm in Sibirien zunächst nicht schlecht ergangen zu sein, wie seine Post nach Hause vermittelt; er war gut untergebracht, seine Wunde wurde monatelang medizinisch behandelt.[12]

Dennoch wurde die Zeit offenbar so lang und entbehrungsreich, dass er wagte, sie durch eine „dramatische Flucht in die Heimat“ zu beenden.[13] Nach seiner Rückkehr im Frühjahr 1918 tat er noch kurze Zeit Dienst bei einer Ersatz-Escadron, seit August 1918 befand er sich in Den Haag als Oberleutnant der Reserve.[14] Sein Vater drängte ihn, ein Gesuch auf Beurlaubung, wenn nicht gar die definitive Entlassung vom Militärdienst zu stellen, da er im Geschäft gebraucht werde, das kurz vor dem „totalen Zusammenbruch und einem Chaos“ stünde.[15] So kehrte Hans Carl Scheibler in die „Chemische Fabrik Kalk“ zurück und musste sich nach dem Tod des Vaters 1920 als Leiter den Herausforderungen stellen, die sich durch die Besetzung des Rheinlandes und die Abschneidung von den internationalen Märkten ergaben. Er schaffte es dennoch, die führende Position der Firma in der Düngemittelproduktion für die nächsten Jahrzehnte zu erhalten.[16]


[1] Paul Schoenen, Das Rote Haus in Monschau, Köln 1968, S. 56.

[2] ALVR, Rotes Haus Nr. 185. – Der Bestand ist durch zwei Findbücher erschlossen: Rotes Haus Monschau – Familienarchiv Scheibler. Archivalien im Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, Band 1: Akten und Bücher, 1607-2003, bearb. v. Dr. Julia Lederle, Rudolf Kahlfeld, 2002 und 2011; Band 2: Fotos und Karten, 1765-1987, bearb. v. Rudolf Kahlfeld, 2011. Die Übernahme des Bestands als Depositum erfolgte auf Initiative des LVR. Siehe hierzu: Arie Nabrings: Kultur als kommunale Aufgabe, in: Adel, Reformation und Stadt am Niederrhein. Festschrift für Leo Peters, hg. v. Gerhard Rehm, Bielefeld 2009 (Studien zur Regionalgeschichte, Bd. 23), Seite 317.

[3] Abschrift der „Erinnerungen 1914“ zum 1. Aug. 1914, in: ALVR, Rotes Haus Nr. 185.

[4] Alexander Meschnig, Der Wille zur Bewegung: Militärischer Traum und totalitäres Programm. Eine Mentalitätsgeschichte vom Ersten Weltkrieg zum Nationalsozialismus, Bielefeld 2008, S. 61ff.

[5] Abschrift des Briefes vom 9. Sept. 1914, in: ALVR, Rotes Haus Nr. 185.

[6] Ebda.

[7] Ebda.

[8] Ebda.

[9] Zur ersten Schlacht an der Marne: Jean-Jacques Becker, Gerd Krumeich, Der Große Krieg. Deutschland und Frankreich 1914-1918. Aus dem Französischen von Marcel Küsters u.a., Essen 2010, S. 211ff.

[10] Abschrift des Briefes vom 14. Sept. 1914, in: ALVR, Rotes Haus Nr. 185.

[11] Abschrift des Briefes vom 23. Sept. 1914, in: ALVR, Rotes Haus Nr. 185, Unterstreichungen im Original.

[12] Über die unvergleichlich bessere Situation der gefangenen Offiziere gegenüber der Mannschaft: Georg WURZER, Die Kriegsgefangenen der Mittelmächte in Rußland im Ersten Weltkrieg, Dissertation Tübingen 2000, S. 120ff., online veröffentlicht: https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/handle/10900/46156 (Abruf 4.9.2014).

[13] ALVR, Rotes Haus Nr. 234: Fritz Vorster, in: Hans Carl Scheibler in memoriam.

[14] ALVR, Rotes Haus Nr. 182, Brief vom 7. Dez. 1918.

[15] ALVR, Rotes Haus Nr. 182, Brief vom 22. Nov. 1918.

[16] http://www.digitalis.uni-koeln.de/Herrmannk/herrmannk24-34.pdf (Abruf 4.9.2014), S. 26ff.

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Weiterführende Quellen und Literatur

  • Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, Bestand Rotes Haus Monschau
  • Mangold, Josef :Aufstieg und Niedergang der Tuchindustrie in Monschau im 18. und 19. Jahrhundert, in: Das Rote Haus in Monschau, hg. v. der Stiftung Scheibler-Museum, Rotes Haus Monschau, Köln 1994, S. 97-132.
  • Nay-Scheibler, Elisabeth : Die Geschichte der Familie Scheibler, in: Das Rote Haus in Monschau, hg. v. der Stiftung Scheibler-Museum, Rotes Haus Monschau, Köln 1994, S. 78-95.
  • Teuffel, Heinrich von: Carl Scheibler (1852-1920), in: Rheinische Lebensbilder Bd. 13, Köln 1993, S. 233-248.

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