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im Rheinland

"Wir werden nach Köln verschleppt"

29. Oktober 1957: Zur Grundsteinlegung des neuen Landeshauses in Köln-Deutz

Der 27. März 1957 bedeutete das Ende einer Ära. An diesem Tag beschlossen die Mitglieder der Landschaftsversammlung Rheinland, dass der Sitz des Verbandes, das Landeshaus, von Düsseldorf nach Köln umziehen sollte. Seit 1826 kamen die Provinziallandtage - von wenigen Ausnahmen abgesehen - in Düsseldorf zusammen. Die Verwaltung des Provinzial- und später des Landschaftsverbandes Rheinland war zunächst im Ständehaus, seit 1911 am Berger Ufer (heute Mannesmann-Ufer) in Düsseldorf untergebracht. In einem Nebengebäude, der sogenannten Villa Horion, befand sich der Sitz des Landeshauptmanns bzw. des Landesdirektors.[1]

Die Entscheidung der Versammlung hatte eine lange, verwickelte Vorgeschichte und stieß nicht überall auf ungeteilte Zustimmung, denn nicht nur in dem bereits zitierten Artikel in der Wochenzeitung "Die Zeit" äußerten Mitarbeitende ihren Unmut.[2] Bereits 1954, als die Landschaftsversammlung in der Frage Düsseldorf oder Köln zum ersten Mal entschied, hatte der Betriebsrat darauf aufmerksam gemacht, dass insgesamt über 1600 Personen betroffen sein würden, und erste Hochrechnungen zu den Mehrkosten vorgelegt.[3] Auch in der Presse wurde der Umzug kontrovers diskutiert.[4] Als das Landesverwaltungsgericht 1955 in einem Zwischenurteil die Rechtmäßigkeit der Umzugsentscheidung wegen Verfahrensmängeln bezweifelte, entschied man sich zu einer erneuten Abstimmung.[5] Diese fand am 27. März 1957 in entsprechend aufgeheizter Atmosphäre statt.

Die Sitzungsniederschriften geben die Beiträge der verschiedenen Redner in der entscheidenden Sitzung im Frühjahr 1957 wortgetreu wieder und vermitteln auf diese Weise einen Eindruck von den lebhaften, von zahlreichen Zwischenrufen und Kommentaren unterbrochenen Debatten. Nach einem langen Sitzungstag kam es erst kurz vor 22 Uhr zur entscheidenden Abstimmung, nachdem ein erster Wahlgang keine erforderliche Mehrheit gebracht hatte. Der Vorsitzende der Landschaftsversammlung und Oberbürgermeister der Stadt Köln, Dr. Ernst Schwering, gab anschließend das Ergebnis bekannt:


"Vorsitzender Dr. Ernst Schwering (den Vorsitz wieder übernehmend): Meine Damen und Herren!! Die Zähler sind über alle Punkte einig, das heißt sie haben jedes einzelne Zeichen geprüft, und zwar mehrfach. Es haben sich wiederum 2 enthalten, es haben 42 mit Nein und 48 mit Ja gestimmt. Damit ist also Köln erneut als Sitz des Landschaftsverbandes bestätigt. (Zuruf von der Tribüne: Pfui!) Es ist vollkommen klar. Was tun wir mit den Stimmzetteln? (Zurufe: Aufbewahren! - Weitere Zurufe: Verbrennen!) – Ich weiß es nicht, Herr Direktor: dürfen die Stimmzettel überhaupt aufbewahrt werden? (Direktor Klausa: Sie müssen aufbewahrt werden!)".[6]

Den Architektenwettbewerb für ein reines Verwaltungsgebäude, den der Landschaftsverband bereits 1955 ausgeschrieben hatte, gewann schließlich die Architektengemeinschaft Eckhardt Schulze-Fielitz, Ulrich von Altenstadt und Ernst von Rudloff. Die Stadt Köln überließ dem Landschaftsverband Rheinland auf maßgebliche Initiative des Oberbürgermeisters Schwering und des Oberstadtdirektors Adenauer unentgeltlich ein rechtsrheinisch direkt am Rhein gelegenes Grundstück.[7] Das Gelände war geschichtsträchtig, da sich in unmittelbarer Nachbarschaft bereits ein Brückenkastell der römischen Rheinbrücke, das mittelalterliche Heribertkloster und anschließend die Kaserne der Deutzer Kürassiere befunden hatte. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs erhob sich das "Haus der Rheinischen Heimat" an der Stelle des heutigen Landeshauses.[8]


Die Architekten entwarfen einen teilweise verglasten, vierflügeligen Bau in Stahlskelettbauweise mit einem Außenmaß von 112 Meter auf 64 Meter, der einen rechteckigen Innenhof umgibt. Dabei lehnten sie sich an Bauten des Architekten Mies van der Rohe an. Als Verwaltungsbau konzipiert, verzichtete man auf einen Sitzungssaal für die Landschaftsversammlung. Nachdem erste Bauarbeiten bereits 1956 begonnen hatten, folgte am 29. Oktober 1957 – das heißt nur sieben Monate nach der neuerlichen Abstimmung – die offizielle Grundsteinlegung des neuen Gebäudes. Wie Theo Burauen, Kölner Oberbürgermeister und Vorsitzender der Landschaftsversammlung, betonte, fiel die Grundsteinlegung mit einem weiteren bedeutenden Datum zusammen. Am 29. Oktober 1826 trat der erste Provinziallandtag der preußischen Rheinprovinz zusammen, so dass dieser Tag als "Geburtsstunde der Rheinischen Provinzial-Selbstverwaltung" bezeichnet werden könne.[9] Nach den jahrelangen Debatten war man offenbar um eine möglichst nüchterne und sachliche Feier bemüht. Das Programm sah lediglich zwei Redner und die zeremoniellen Hammerschläge von Vertretern der Landschaftsversammlung und des Landschaftsverbandes vor. Auch die anwesenden Personen lassen darauf schließen, da fast ausschließlich Vertreter des Landschaftsverbandes Rheinland und der Stadt Köln anwesend waren. Nach den üblichen Ansprachen wurde eine Kassette vermauert, die eine Urkunde mit einem Widmungstext enthielt.[10]


Vor dem Umzug waren jedoch noch zahlreiche Fragen der Inneneinrichtung, der konkreten Raumverteilung und der technischen Ausstattung zu klären. Daneben beschäftigte sich der Landschaftsverband mit der Beschaffung von Dienstwohnungen, da abzusehen war, dass Mitarbeitende umziehen würden.[11] Nach der Einweihung durch Landesdirektor Udo Klausa am 6. November 1959 wurde der Umzug feierlich am 27. Januar 1960 abgeschlossen. Der Kölner Oberbürgermeister Theo Burauen begrüßte die Mitglieder der Landschaftsversammlung, die sich im Sitzungssaal des Kölner Rathauses versammelt hatten, zum ersten Mal am neuen Sitz des LVR.[12]

So umstritten der Umzug über Jahre hinweg war, so wenig Kritik entzündete sich am Bau selbst. Lediglich die Kostensteigerungen wurden moniert. Letztendlich wurde das Landeshaus des LVR aufgrund seiner architektonischen Bedeutung am 2. November 1987 durch den Kölner Stadtkonservator in die Liste der Baudenkmäler aufgenommen.


[1] Zur Geschichte des Hauses siehe: Düsseldorf. Eine Stadt zwischen Tradition und Vision – Bauten einer Landeshauptstadt, hg. von Edmund Spohr und Hatto Küffner, Kleve 2002, S. 34 f.; Grothe, Ewald: Vom Katholikentag zum Fest der Generationen. Die Geschichte des Landeshauses und der Villa Horion 1909 bis 2009. Düsseldorf 2009, S. 8 ff.

[2] Der Titel des Dokuments zitiert die Überschrift eines Zeitartikels, der die Stimmung der Düsseldorfer LVR-Mitarbeitenden behandelt: Die Zeit, Jg. 1958/Nr. 43 (23.10.1958), S. 4.

[3] Die Entscheidung hatte die Vierte Tagung der 1. Landschaftsversammlung am 3. November 1954 nach teilweise hitzigen Debatten gefällt. Siehe: Verhandlungen der 1. Landschaftsversammlung Rheinland im Hause des Landtags zu Düsseldorf. Vierte Tagung am 3. und 4. November 1954, S. 44. Zur Stellungnahme des Betriebsrats siehe: ALVR, Nachlass Klausa, Nr. 92.

[4] Siehe z. B: Handelsblatt, 10. November 1954, Rheinische Post, Jg. 1955/Nr. 51 (2. März 1955); Düsseldorfer Nachrichten, Jg. 1955/Nr. 52 (3. März 1955).

[5] Aktenzeichen 1 K 1944/55; Abschrift in: ALVR, Nachlass Klausa, Nr. 102.

[6] Verhandlungen der 1. Landschaftsversammlung Rheinland im Hause des Landtags zu Düsseldorf. Siebente Tagung am 27. März 1956, S. 62.

[7] Kaulhausen, Barbara: Das Landeshaus. Köln 1999, S. 1.

[8] Zur Geschichte und den vorhergehenden Bauten siehe: Kisky, Klaus: Auf geschichtlichem Boden. Das Landeshaus in Köln, hg. im Auftrag des Landschaftsverbandes Rheinland. Köln 1959.

[9] ALVR, Nachlass Klaus, Nr. 90 (Manuskript der Rede Burauens). Zum ersten Provinzial-Landtag siehe: ALVR, Bestand Archiv der Provinzialstände, Nr. 256.

[10] Zum Programm der Grundsteinlegung und dem Text der Urkunde siehe: ALVR, Bestand Hochbauabteilung, Nr. 35990.

[11] In diesem Zusammenhang stellte der Erste Landesrat Dr. Kaßmann ein Gutachten zu den finanziellen Belastungen für Mitarbeitende durch den Umzug vor. Siehe: ALVR, Bestand Organisations- und Hauptamt, Nr. 14938.

[12] Verhandlungen der 2. Landschaftsversammlung Rheinland im Großen Sitzungssaal des Rathauses Köln, 9. Tagung am 27. Januar 1960.

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Weiterführende Quellen und Literatur

  • ALVR, Bestand Hochbauabteilung
  • ALVR, Bestand Organisations- und Hauptamt
  • ALVR, Nachlass Klausa
  • Düsseldorf. Eine Stadt zwischen Tradition und Vision – Bauten einer Landeshauptstadt, hg. von Edmund Spohr und Hatto Küffner, Kleve 2002.
  • Goede, Thomas: Das Deutzer Rheinufer. Von der Kürassierkaserne zum Landeshaus, in: Im Mittelpunkt: Die Denkmalpflege, hrsg. vom Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz. 2001, S. 20-29.
  • Grothe, Ewald: Vom Katholikentag zum Fest der Generationen. Die Geschichte des Landeshauses und der Villa Horion 1909 bis 2009. Düsseldorf 2009.
  • Kaulhausen, Barbara: Das Landeshaus. Köln 1999.
  • Kisky, Hans: Auf gesc.hichtlichem Boden. Das Landeshaus in Köln, hg. im Auftrag des Landschaftsverbandes Rheinland. Köln 1959.

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