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im Rheinland

Die Provinz Preußen und die freie Rheinschifffahrt

13. Dezember 1826: Die Denkschrift Peter Heinrich Merkens zur Abgabenfreiheit auf dem Rhein

Seit der Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongreß (1815) und der Zuweisung der links- und rechtsrheinischen Gebiete zwischen Koblenz und Mainz bzw. Nijmegen und Dordrecht zu Preußen, als neue preußische Provinzen (der späteren Rheinprovinz) standen Fragen nach der wirtschaftlichen Entwicklung im Rheinland im Vordergrund vieler Diskussionen. Unter anderem ging es darum, wie sich die neue Provinz aufstellen wolle und solle. Insbesondere das rheinische Großbürgertum - Kaufleute, Bankiers und Händler in und um Köln/ linksrheinisch, aufsteigende Industrielle an Wupper und Ruhr/ rechtsrheinisch - meldete sich frühzeitig und vernehmlich zu Wort, um an der Ausgestaltung der Zukunft mitzuwirken.

Hatte man in Wirtschaftskreisen in der mehr als zehnjährigen französischen Besatzung am Rhein manche Erleichterungen und einen freieren Handel zu schätzen gelernt, lag Zündstoff in der Luft, als Berlin mit Verfügungen und Regulierungen auf den Plan trat, wie sie sich in den altpreußischen Kernlanden unter ganz anderen Bedingungen herausgebildet hatten.

In den Provinziallandtagen und den Gremien der neuen Provinz saßen neben preußenfreundlich gesinnten Repräsentanten auch solche, die sich für größtmögliche rheinische Unabhängigkeit, insbesondere für Handel und Industrie, stark machten. Es sollte bis in die Mitte des Jahrhunderts dauern, bis sich eine neue Generation rheinischer Wirtschaftslenker herausgebildet hatte, die die wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunft der Rheinprovinz mehr im europäischen Kontext und weniger in der Verfolgung separater rheinischer Interessen sah.


Als die Rheinischen Provinzialstände am 29. Oktober 1826 zum ersten Landtag zusammentraten, sahen die rheinischen Kaufleute und Fabrikanten einerseits die Notwendigkeit, mit den westeuropäischen und überseeischen Staaten Handel treiben zu müssen, andererseits aber auch die darniederliegenden Gewerbe, die eines Schutzzolles bedurften, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die Dichotomie zwischen Zollfreiheit einerseits und Schutzzöllen andererseits führte zu manchen hitzigen Debatten im Verlaufe zahlreicher Landtagssitzungen, die in mehreren Serien im Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland der weiteren Erforschung und Auswertung harren.

Einer der frühen Verfechter möglichst knapp gehaltener Reglements trat in der Gestalt von Peter Heinrich Merkens (*29.12.1777 in Mülheim/ Rhein, †14.1.1854 in Köln) vor den 1. Rheinischen Provinziallandtag. Mit seiner Denkschrift zur freien Rheinschifffahrt, gefolgt von weiteren Petitionen und Anträgen zum selben Thema in den folgenden Jahren, sorgte er dafür, dass die Aufhebung der Handelshemmnisse in der Rheinschifffahrt die Diskussion beherrschte. Erst um die Mitte des 19. Jahrhundert ging die Bedeutung der Rheinschifffahrt für die Provinziallandtage zugunsten anderer Fragen ein wenig zurück.

Die Forderung nach freier Rheinschifffahrt (Landtag 1826) war bereits Thema in einer Denkschrift der Kölner Handelskammer von 1816 zur Aufhebung des Umschlagrechts gewesen, die ebenfalls P. H. Merkens verfasst hatte.[1] Mitglied der Kölner Handelskammer seit ihrer Einrichtung durch Napoleon im Jahr 1810, war Merkens seit 1816 für die Berichterstattung an die preußischen Behörden zuständig. Er gehörte dem Kölner Stadtrat an und vertrat die Stadt 1826 bis 1845 im Rheinischen Provinziallandtag.


In der dem 1. Rheinischen Provinziallandtag am 13. Dezember 1826 vorgelegten Denkschrift setzte sich Merkens mit leidenschaftlichen Worten für die "Freie Rheinschiffahrt" ein:

"Was hilft uns unser gesegnetes Klima, was die üppige Fruchtbarkeit unserer Felder und Berge, was die Arbeit unserer Hände, was die Früchte unseres Gewerbefleißes, und was endlich hilft uns der gottgesegnete Besitz eines Stromes, den keine andere Nazion (sic) in so großer Bedeutung aufzuweisen hat, wenn die Ketten nicht gesprengt werden, die ihn und uns fesseln."[2]

Im Protokoll der besagten Sitzung vom 13. Dezember 1826 wurde sorgfältig notiert:

"Herr Merkens verlas nun diese Darstellung (der Rhein Schiffahrts Verhältnisse), die mit allgemeinem Beifall aufgenommen und … in allen Stücken genehmigt wurde".[3]

Merkens Denkschrift zählte zu den Petitionen, die der 1. Rheinische Provinziallandtag dem preußischen König (Friedrich Wilhelm III.) zuleitete mit "der allerunterthänigsten Bitte .., daß es Allerhöchstendenselben gefallen möge, zu bewirken, daß

1) die Rheinschiffahrt bald überall, wohin sich das Fahrwasser des Rheins ergießt, und zwar, wie die Minister Sr. Majestät es im § 1 des definitiven Reglements festgesetzt haben, über Amsterdam, Rotterdam und Dordt, bis in die offene See frei werde. Daß

2) nach § 2 des erwähnten Reglements diese Freiheit allen Staaten und Nationen ohne alle Einschränkung mit dem einzigen Vorbehalt der allgemeinen Sicherheit eingeräumt, aber

3) weder durch Bewilligung einer höheren als der durch die Wiener Convention festgestellten Abgabe, noch durch Gestattung von Beschränkungen auf niederländischem Gebiete erkauft werden möge, wodurch die Freiheit illusorisch werden könnte….."[4]


Während die zollpolitische Einigung von den liberalen Kräften, besonders in Handel und Industrie im Vordergrund des Interesses stand, war für das erweiterte Preußen die Verbindung der westlichen und östlichen Provinzen vorrangig. Vertreter des liberalen Großbürgertums, allen voran Abgeordnete wie der Kölner Peter Heinrich Merkens fürchteten den Niedergang der Industrie, die durch die erhöhten Zollabgaben in Holland und Frankreich bedrängt wurden. Leute wie er sahen einzig im Freihandel Entwicklungsmöglichkeiten für die wirtschaftliche Expansion der Rheinprovinz, auch mit der Einschränkung, rechtsrheinische Industriezweige damit stark unter Druck zu setzen. Die Forderungen an den König, geeignete Maßnahmen entgegenzusetzen, stießen in Berlin nicht immer auf Verständnis und Entgegenkommen.

Doch von Gegenwind ließ sich Merkens nicht beeindrucken. Als Mitglied der Kölner Handelskammer, seit 1829/30 ihr Vizepräsident, 1831 bis 1837 ihr erster frei gewählter Präsident, stand er an einflussreicher Stelle, um die Entwicklung Kölns zum Wirtschaftszentrum maßgeblich mitzugestalten.[6] Sein Vorschlag, in Köln eine Handelsmesse zu gründen, war seiner Zeit weit voraus. Dazu hatte er wie kaum ein anderer Unternehmer seiner Zeit parlamentarische Erfahrungen und sprach wiederholt in Berlin vor, so z.B. 1827/28, als er für Köln eine staatliche Entschädigung für den Wegfall des Umschlagrechts durchsetzte. Als Ausgleich für den verlorenen Stapel initiierte er im Haus der Handelskammer eine Transportversicherung für auf dem Rhein verschiffte Güter (später die Agrippina Versicherungsgesellschaft). Die Organisation der Rheinschiffahrts-Assekuranz-Gesellschaft wurde Vorbild für alle frühen Aktiengesellschaften im Rheinland.


Der Rhein, die Schifffahrt, die Zukunft dieses Transportweges und die Interessenslage seiner Stadt Köln beschäftigten Merkens zeit seines Lebens. Zusammen mit anderen Unternehmern legte er die Grundlagen für eine eigene Kölner Dampfschifffahrtsgesellschaft, die seit 1853 in Betriebsgemeinschaft mit der "Niederrheinischen" als "Köln-Düsseldorfer" firmierte. Zusammen mit vier Banken stiftete Merkens eine Feuerversicherung, als sich die neuen Dampfschiffe als hochgradig explosionsgefährdet entpuppten. Bald wurde diese Feuerversicherung unter dem Namen "Colonia" als Aktiengesellschaft zugelassen.[7]

Auch beim Bau des "Eisernen Rheins", der Eisenbahnstrecke von Köln nach Belgien, der in der Zeit seiner Präsidentschaft in der Kölner Handelskammer vorbereitet wurde, gehörte er zu den Pionieren seiner Zeit. Als liberaler Vordenker hatte er einen weiten Blick für die Verantwortung der Wirtschaft in der Gesellschaft: 1843 brachte er den ersten Antrag auf "Gleichstellung der Juden mit den übrigen Staatsbürgern" ein.

Klara van Eyll, die ehemalige Leiterin des Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchivs (RWWA) in Köln, widmete Peter Heinrich Merkens respektvolle Worte in einem Artikel der Deutschen Biographie: "Als Nestor der Kölner Unternehmer der ersten Hälfte des 19. Jh. war [Merkens] Vorbild für viele seiner großen liberalen Kölner Weggefährten wie L. Camphausen, E. Schnitzler und W. L. Deichmann." Die Wertschätzung, die die Stadt Köln Peter Merkens entgegenbrachte, zeigt sich auch darin, dass er ein Ehrengrab auf dem Kölner Melatenfriedhof erhielt und er einer derjenigen Kölner ist, die mit einer Statue am Turm des historischen Rathauses geehrt wurden.


[1] Vgl.: Croon, Gustav: Der Rheinische Provinziallandtag bis zum Jahre 1874, Düsseldorf 1918, S. 222.

[2] ALVR, Nr. 420: Denkschrift des Abgeordneten Merkens über die "Rheinschifffahrt", 13. Dezember 1826, Bl. 67.

[3] ALVR, Nr. 264, Bl. 99 und 115, Protokolle der ersten Sitzung des Rheinischen Provinziallandtags (handschriftlich).

[4] Übersicht der Verhandlungen der Rheinischen Provinzialstände auf dem erste Landtage, Abschnitt B, § 2, Koblenz 1827, S. 25.

[5] 1822 wurde die Rheinschiffahrts-Assekuranz-Gesellschaft als erste eigenständige Versicherungs-AG für Warentransporte auf dem Rhein zugelassen, aus der 1845 die "Agrippina See-, Fluß- und Landtransport-Versicherungs-Gesellschaft" wurde, vgl. Eyll, Klara van, "Merkens, Peter Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 153-155; online abrufbar unter: http://www.deutsche-biographie.de/ppn140057803.html (zuletzt abgerufen am 17.12.2014).

[6] Die "Kölnische Feuerversicherung" entstand 1839 und erhielt 1841 den Namen "Colonia". Vgl. Eyll, Merkens, online abrufbar unter: http://www.deutsche-biographie.de/ppn140057803.html (zuletzt abgerufen am 17.12.2014).

[7] Zur Bedeutung der unternehmerischen Tätigkeiten und zu seiner Rolle in der Handelskammer siehe: Kellenbenz, Hermann; Eyll, Klara van: Die Geschichte der unternehmerischen Selbstverwaltung in Köln 1797-1914. Köln 1972, S. 92 f.

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Weiterführende Quellen und Literatur

  • ALVR, Bestand Archiv der Provinzialstände, Nr. 264, Nr. 267, Nr. 419, Nr. 420, Nr. 421, Nr. 423
  • Berghausen, Gregor: Die großbürgerlichen Liberalen im Rheinischen Provinziallandtag 1826–1845 (Rheinprovinz 9), Köln 1994.
  • Croon, Gustav: Der Rheinische Provinziallandtag bis zum Jahr 1874, Düsseldorf 1918.
  • Eyll, Klara van: Merkens, Peter Heinrich, in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 153-155; online abrufbar unter: http://www.deutsche-biographie.de/ppn140057803.html(zuletzt abgerufen am 17.12.2014).
  • Grupe, Heinz: Heinrich Merkens, in: Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsbiographien. Bd. 5 (1953), S. 1–26.
  • Hansen, Joseph: Preußen und Rheinland von 1815 bis 1915. Hundert Jahre politischen Lebens am Rhein. Bonn 1918 (ND Köln 1990).
  • Kellenbenz, Hermann; Eyll, Klara van: Die Geschichte der unternehmerischen Selbstverwaltung in Köln 1797-1914. Köln 1972.
  • Merkens, Peter Heinrich: Peter Heinrich Merkens 1778–1854. Aus seinen Schriften zur Wirtschaftspolitik am Rhein, Köln 1958.
  • Soénius. Ulrich: Vollblutunternehmer - rheinischer Liberaler. Peter Heinrich Merkens, in: Markt und Wirtschaft, 58. Jg., Heft 1(2003), S. 25.
  • Stephan, Joachim: Der Rheinische Provionziallandtag 1826–1840 (Rheinprovinz 7). Köln 1991.
  • Torunsky, Vera: Die Abgeordneten der Rheinischen Provinziallandtage und Landschaftsversammlungen (Rheinprovinz 12), Bd. 1, Köln 1998.

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