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im Rheinland

Die Feierlichkeiten anlässlich der Zugehörigkeit der Rheinprovinz zum Königreich Preußen (1815–1865–1915-2015)

"(…) die in krieg und frieden erprobte rheinische treue hat sich auch in der jetzigen schweren heimsuchung des vaterlandes glänzend bewährt"

Als Kaiser Wilhelm II. diese Zeilen von Schloss Pleß (heute polnisch Pszczyna) - wo er während des Ersten Weltkriegs zeitweise residierte - nach Düsseldorf telegrafierte, waren im Rheinland bereits lange und ausführliche Verhandlungen und Vorbereitungen geführt worden, wie am 15. Mai 1915 der Jahrestag der hundertjährigen Zugehörigkeit angemessen zu feiern sei. Die Organisatoren dieser Feierlichkeiten aus Rheinprovinz, Provinzialverband und Kommunen verstanden die Machtübernahme der Preußen am Rhein als Jubiläum, an das man nicht nur erinnern, sondern das man auch festlich begehen sollte. Sie konnotierten dieses Datum offensichtlich positiv und verstanden die Geschichte der preußischen Rheinprovinz als Erfolgsgeschichte. Jedoch lässt sich kaum übersehen, dass die geplanten Feiern auch eine politische Dimension hatten. Dies gilt ebenso für die Feiern des Jahres 1865, sodass sie als Indikator für das teilweise schwierige Verhältnis des Rheinlands zu Preußen dienen können. Nicht zuletzt wird im Verlauf des "Preußenjahres" 2015 erneut an die 200-jährige Anwesenheit Preußens am Rhein erinnert.

Bezugspunkt aller Feierlichkeiten war der 15. Mai 1815. An diesem Tag huldigten Vertreter der Rheinlande in Aachen Repräsentanten der preußischen Krone. König Friedrich Wilhelm III., der bereits am 5. April 1815 in zwei Patenten die Rheinlande in Besitz genommen hatte, ließ sich bei dieser Huldigung durch einen General und den späteren Oberpräsidenten der preußischen Provinzen am Rhein vertreten. Eine innige Beziehung bestand zunächst zumindest von preußischer Seite nicht. Die preußische Krone hätte das näher gelegene Sachsen den entfernten neuen Besitzungen am Rhein vorgezogen. .[1]


1865 bot sich der Anlass, die fünfzigjährige Verbindung mit der Krone Preußens zu begehen. Allerdings war es in den vergangenen Jahren zu mehreren, teils intensiv geführten Konflikten gekommen - es seien an dieser Stelle nur die Auseinandersetzungen um das sog. Rheinische Recht, den früheren Code Civil, oder das sog. Kölner Ereignis, die Verhaftung des Kölner Erzbischofs Clemens August Droste zu Vischering, erwähnt. Die Feiern wurden in Aachen, dem Ort der Huldigung von 1815, abgehalten; allerdings waren dieses Mal Wilhelm I., König in Preußen und späterer Deutscher Kaiser, seine Gemahlin und Kronprinz Friedrich Wilhelm, der seinem Vater als Kaiser Friedrich III. nachfolgte, persönlich anwesend.[2] Große Feierlichkeiten unter Einbeziehung der Bevölkerung fanden dennoch nicht statt. Selbst die Abgeordneten des Rheinischen Provinziallandtags waren nicht zu den Feierlichkeiten eingeladen.[3] Die Ambivalenz der damaligen Situation verdeutlicht das Denkmal auf dem Kölner Heumarkt. Seit 1860 trieb der Kölner Oberbürgermeister Joseph Stubb das Projekt eines Reiterstandbilds für König Friedrich Wilhelm III. von Preußen voran, um die Treue der Stadt zu demonstrieren. Der Grundstein wurde einen Tag nach den Aachener Feiern am 16. Mai 1865 in Anwesenheit Wilhelms I. gelegt. Das Denkmal ehrte jedoch ausgerechnet den Herrscher, der 1837 mit der Verhaftung des Kölner Erzbischofs eine der schwersten Krisen im rheinisch-preußischen Verhältnis ausgelöst hatte.[4]


Der nächste Anlass war mit der Hundert-Jahr-Feier für das Jahr 1915 gegeben. Erste Vorbereitungen liefen bereits seit dem Jahr 1910 und sahen bald eine Krönungsausstellung vor, die den offiziellen Festakt umrahmen sollte.[5] Die Quellen des ALVR erlauben eine genauere Rekonstruktion der Planungen. Auf Initiative des Aachener Oberbürgermeisters Veltman hatte Kaiser Wilhelm II. die Schirmherrschaft ("Protektorat") über die Ausstellung übernommen. 1911 war man bereits so weit, einen Organisationsplan mit mehreren Ausschüssen und ein Programm zu präsentieren.[6] Die Kosten für die Ausstellung bezifferte Oberbürgermeister Veltman zu Beginn des Jahres 1914 auf immerhin 480.000 Reichsmark.[7] Der Provinzialverband der Rheinprovinz beteiligte sich mit 50.000 Reichsmark.[8] Eine besondere Rolle war den originalgetreuen Kopien der Reichskleinodien – unter anderem der Kaiserkrone, des Reichsschwerts und des Reichsapfels - zugedacht, die eigens für die Ausstellung angefertigt werden sollten. Den Auftrag hierzu erhielt die Düsseldorfer Goldschmiedewerkstatt Beumers, die die Kosten auf über 153.400 Reichsmark veranschlagte.[9]

Durch die Ausstellung wurden Aufwand und Rahmen der Feierlichkeiten deutlich ausgeweitet. Auch die historischen Bezugspunkte verschoben sich. Zwar war Aachen schon 1815 aufgrund seiner Geschichte als Krönungsstadt der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen deutschen Könige zum Ort der erneuten Huldigung auserkoren worden. Durch die Ausstellung wurde die Anknüpfung der Hohenzollern-Dynastie an die mittelalterlichen Kaiser bzw. des seit 1871 bestehenden Deutschen Reichs an das mittelalterliche Heilige Römische Reich Deutscher Nation noch einmal verstärkt. Das Programm von 1911 hielt fest, dass neben den Reichskleinodien die "Porträts und Bildnisse der [in Aachen gekrönten, der Verfasser] Könige und Königinnen, der an den Krönungen beteiligten weltlichen und geistlichen Fürsten (…) die Hauptsache bei der Ausstellung ausmachen" sollten.[10] Auf diese Weise sollten die "glänzenden Tage der Königskrönungen (…) vor dem geistigen Auge wiedererstehen und in den Porträts und Bildnissen der Könige und Kaiser (…) wird die herrliche Kaiseridee des Mittelalters verkörpert werden, welche Jahrhunderte hindurch der Lieblingsgedanke des deutschen Volkes war, der in dem neuen deutschen Reich und seinem erhabenen Träger wieder neue Gestalt annahm".[11]


Die Vorbereitungen waren bereits weit vorangeschritten, als im Sommer 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach. Während des Krieges war an eine große Feier nicht zu denken, sodass die Ausstellung auf unbestimmte Zeit vertagt, d. h. de facto abgesagt wurde. Doch selbst die letztendlich wesentlich kleinere Hundertjahrfeier, die in Aachen am 15. April 1915 abgehalten wurde, verdeutlicht, dass ein Einstellungswandel stattgefunden hatte. Die Zugehörigkeit zu Preußen und mithin zum Deutschen Reich wurde anscheinend vornehmlich positiv empfunden.[12] Der Provinziallandtag der Rheinprovinz brachte dies in einem Telegramm an Kaiser Wilhelm II. sinnfällig zum Ausdruck: "(…) In unauslöschlicher Dankbarkeit gedenken wir der herrlichen Entwicklung der Rheinlande unter dem Scepter der Hohenzollern".[13] Auch Wilhelm I. beschränkte sich zwar auf die Versendung von Telegrammen, fand aber nicht weniger warme Dankesworte.[14]

Bemerkenswert war ebenso, dass im Unterschied zu früheren Gedenktagen eine Reihe von Überblicks- und Spezialpublikationen erschien, die das Centenarium zum Anlass einer publizistisch-historiographischen Aufarbeitung nahmen.[15] Bereits 1911 legte der Kölner Historiker Joseph Hansen die Planungen für einen Sammelband vor, der die Geschichte der Rheinprovinz von 1815 bis 1915 behandeln sollte.[16] Auch der Provinzialverband ging daran, die eigene Geschichte aufzuarbeiten, wozu der im Staatsarchiv Breslau tätige Archivar Dr. Gustav Croon nach Düsseldorf geholt wurde.[17]

Eine ähnlich positive Bewertung der Zugehörigkeit zu Preußen sollten letztmalig die sog. Jahrtausendfeiern und Ausstellungen im Rheinland des Jahres 1925 transportieren.[18] Nach dem Zweiten Weltkrieg lösten die Alliierten durch die Verfügung Nr. 46 vom 25. Februar 1947 den Staat Preußen auf, der als "Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland" bezeichnet wurde. Es verwundert daher wenig, wenn im Jahr 1965 das Gedenken an 1815 bescheiden ausfiel und es zunehmend negativ wahrgenommen wurde.[19]


Angesichts dieser wechselvollen Vorgeschichte mag es auf den ersten Blick überraschen, wenn in den Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz im Jahr 2015 wieder unter dem Motto "Danke Berlin" an eine mittlerweile 200-jährige Beziehungsgeschichte erinnert wird. Diese knappe Rückschau verdeutlicht allerdings, wie mit Geschichte, ihrer Interpretation und Inszenierung bewusst Politik in der jeweiligen Gegenwart gemacht wurde. Die Beziehungsgeschichte Rheinland - Preußen ist gerade wegen der Gleichzeitigkeit von Kooperation und Antagonismus sowie von Vorurteilen und Wertschätzung spannend. Nicht zuletzt haben sich während der und über die ‚Preußenzeit‘ einige rheinische Mythen gebildet - z. B. zum rheinischen Karneval als angebliche Persiflage des preußischen Militarismus. Dieser für das Rheinland wichtigen und bis heute nachwirkenden Epoche spürt die gemeinsame Ausstellung "KÖLN - R(H)EIN - PREUSSISCH ?" des Historischen Archivs der Stadt Köln und des Archivs des Landschaftsverbandes Rheinland nach. Sie kann noch bis zum 13. September im Historischen Archiv der Stadt Köln besichtigt werden.


Weiterführende Quellen und Literatur

  • Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, Archiv der Provinziallandtage, Nr. 1569 und Nr. 2083.
  • Falk, Susanne: Aachen. Kaiserpfalz und Krönungsstadt im Geschichtsbewusstsein des 19. und 20. Jahrhunderts, in: Hauptstadt. Zentren, Residenzen, Metropolen in der deutschen Geschichte, hrsg. im Auftrag des Oberstadtdirektors der Stadt Bonn von Bodo-Michael Baumunk und Gerhard Brunn. Köln 1989, S. 50-55.
  • Haude, Rüdiger: "Kaiseridee" oder "Schicksalsgemeinschaft". Geschichtspolitik beim Projekt "Aachener Krönungsausstellung 1915" und bei der "Jahrtausendausstellung 1925" (Beihefte der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 6). Neustadt a. d. Aisch 2000.
  • Herres, Jürgen: Köln in preußischer Zeit: 1815 - 1871 (Geschichte der Stadt Köln 9). Köln 2012.


Anmerkungen

[1]Vgl.: Herres, Jürgen: Köln in preußischer Zeit: 1815–1871 (Geschichte der Stadt Köln 9). Köln 2012, S. 38 f.

[2] Der Reiseverlauf zu den Huldigungsfeierlichkeiten des Jahres 1865 findet sich in: ALVR, Bestand Archiv der Provinziallandtage, Nr. 1569, Bl. 157.

[3] Vgl.: Hansen, Joseph: Preußen und Rheinland von 1815 bis 1915. Hundert Jahre politischen Lebens am Rhein. Bonn 1918 (zitiert aus ND Köln 1990), S. 173.

[4] Herres, Köln in preußischer Zeit (Wie Anm. 1), S. 147 ff.

[5] Haude, Rüdiger: "Kaiseridee" oder "Schicksalsgemeinschaft". Geschichtspolitik beim Projekt "Aachener Krönungsausstellung 1915" und bei der "Jahrtausendausstellung 1925" (Beihefte der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 6). Neustadt a. d. Aisch 2000, S. 37.

[6] ALVR, Bestand Archiv der Provinziallandtage, Nr. 1569 Bl. 11 ff.

[7] Ebenda, Bl. 108 f.

[8] Durch Beschluss des Provinzialausschusses vom 7. Februar 1914: ALVR, Archiv der Provinziallandtage, Nr. 2083.

[9] Im Verlauf der Arbeiten erhöhten sich die Kosten um weitere 19.500 Reichsmark. Vgl.: ALVR, Archiv der Provinziallandtage, Nr. 1569, Bl. 123 f.

[10] ALVR, Archiv der Provinziallandtage, Nr. 1569, Bl. 12.

[11] Ebenda, Bl. 118.

[12] Haude, Kaiseridee (Wie Anm. 5), S. 85.

[13] ALVR, Bestand Archiv der Provinziallandtage, Nr. 1569, Bl. 192 (1915, Mai 15/16).

[14] Siehe hierzu das Digitalisat. Neben dem Exemplar an den Provinzialausschuss erhielt auch die Stadt Aachen ein ähnliches Telegramm. Siehe: Haude, Rüdiger: Das Rheinland im Kaiserreich, online abrufbar: Portal Rheinische Geschichte (zuletzt abgerufen am 26. Mai 2015)

[15] Siehe z. B. Hansen, Preußen und Rheinland (Wie Anm. 3); Bär, Max: Zur hundertjährigen Zugehörigkeit der Rheinlande zu Preußen, in: Mitteilungen des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Heimatschutz. Bd. 9 (1915), S. 7 ff.; Zur Jahrhundertfeier der Vereinigung der Rheinlande mit Preußen. Eine Denkschrift, hrsg. von Julius Bachem. Köln 1915.

[16] Die Übersicht liegt einem Schreiben bei, das an den Landeshauptmann des Provinzialverbandes adressiert war. Siehe: ALVR, Nr. 1569, Bl. 1 ff.

[17] Dieser schloss 1918 seine Arbeiten ab, fiel aber noch vor der Drucklegung: Croon, Gustav: Der Rheinische Provinziallandtag bis zum Jahre 1874. Düsseldorf 1918.

[18] Siehe hierzu: Jahrtausendfeiern und Befreiungsfeiern im Rheinland. Zur politischen Festkultur 1925 und 1930, hrsg. von Gertrude Cepl-Kaufmann (Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens 71). Düsseldorf 2009.

[19] Dennoch erschienen einige Publikationen, z. B.: Das Rheinland in preußischer Zeit. 10 Beiträge zur Geschichte der Rheinprovinz, hrsg. von Walter Först. Köln 1965. Das Vorwort des Bandes wurde von dem Kölner Oberbürgermeister Theo Burauen verfasst, während der Landesdirektor des LVR, Udo Klausa, einen Beitrag beisteuerte. Daneben veröffentlichten die Regierungsbezirke Aachen, Düsseldorf, Köln und Trier jeweils Überblicksdarstellungen anlässlich des 150-jährigen Bestehens.

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