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im Rheinland

18./19. Juni 1925: "Kraftvoll und treu"

Zur umstrittenen Teilnahme des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg an den sogenannten „Jahrtausendfeiern“ im Rheinland des Jahres 1925

Im Verlauf des Jahres 1923 erreichte die politische und wirtschaftliche Krise im Rheinland einen vorläufigen Höhepunkt. Nachdem vorgeblich Reparationszahlungen ausgeblieben waren, besetzten im Januar 1923 französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet und lösten damit den Widerstand der Bevölkerung, den sog. „Ruhrkampf“, aus[1]. Im Oktober des gleichen Jahres proklamierten Separatisten die „Rheinische Republik“, die sich ungefähr einen Monat lang hielt[2]. Beide Ereignisse sowie französische Bestrebungen einer teilweisen Annexion linksrheinischer Gebiete wurden als Bedrohung von außen wie von innen für die Existenz der Rheinprovinz als Teil Preußens und des Deutschen Reichs empfunden.

In dieser prekären Situation äußerte der Düsseldorfer Stadtarchivar Paul Wentzke zum ersten Mal die Überlegung, das Jahr 925 zum Anlass großer Feierlichkeiten zur angeblichen 1000-jährigen Zugehörigkeit der Rheinlande zum Deutschen Reich zu nehmen. Ausgangspunkt war die Eingliederung des späteren Herzogtums Lothringen in das ostfränkische Reich unter Heinrich I.[3] Das Ereignis an sich blieb weitgehend austauschbar, denn es diente lediglich als willkommener Anlass für die geplanten Feiern.[4] Auch einigen Zeitgenossen war durchaus bewusst, dass das Datum 925 eine Konstruktion darstellte. Beispielsweise wandte sich der aus Stolberg stammende Kommerzienrat Emil Schleicher an Landeshauptmann Horion und drängte eindringlich darauf, die Feiern abzusagen: „Eine solche, jede (sic!) Berechtigung entbehrende Feier kann nur schädigend wirken, da sie von unseren Feinden dazu benutzt werden wird, nun zu sagen, die Rheinprovinz hätte früher nicht zu Deutschland gehört“.[5] Die Feiern dienten vielmehr einerseits dem politisch-propagandistischen Zweck, nach innen und außen zu demonstrieren, dass das Rheinland ein integraler Bestandteil des Deutschen Reiches war. Daneben spielten wirtschaftliche Überlegungen, z. B. die Förderung des Fremdenverkehrs, eine nicht zu unterschätzende Rolle.


Die Idee, mit groß inszenierten Feiern Identität zu stiften und eine Leistungsschau zu veranstalten, wurde schnell von verschiedenen Politikern aufgegriffen. Beispielsweise begannen in Köln noch im Jahr 1923 Vorbereitungen für eine große Jahrtausendausstellung, während in Aachen ähnliche Überlegungen diskutiert wurden[6]. Im folgenden Jahr billigten sowohl der 68. Rheinische Provinziallandtag als auch der Provinzialausschuss die bisherigen Planungen einer offiziellen Gedenkveranstaltung[7]. Auch im fernen Berlin erkannte man schnell die Möglichkeiten, aber auch die potenziellen Probleme, die sich aus den Feiern ergaben. Innerhalb der Reichsregierung wurden Befürchtungen laut, das Verhältnis zu den Besatzungsmächten könnte massiv unter einer allzu agitatorischen Veranstaltung leiden[8]. Diese Einschätzung war nicht unbegründet. Aus mehreren Sitzungsprotokollen der Hohen Interalliierten Rheinlandkommission geht hervor, dass insbesondere Veranstaltungen abgelehnt wurden, auf der Stimmung gegen die im Ruhrgebiet stationierten Besatzungstruppen gemacht wurde. Im Ergebnis wurden z. B. Veranstaltungen im Freien weitgehend untersagt.[9]

Daneben musste die Beteiligung von hochrangigen Berliner Politikern besondere Aufmerksamkeit erregen. Schon frühzeitig hatten daher der Provinzialverband ebenso wie verschiedene Kommunalpolitiker eine Teilnahme der „Spitzen von Reich und Staat“ an den zentralen Feierlichkeiten eingeplant.[10]


Anfang Mai 1925 ging Johannes Horion, Landeshauptmann des Provinzialverbandes, in einem Schreiben an Staatssekretär Otto Meissner, Leiter des Büros des Reichspräsidenten, davon aus, dass Reichspräsident Paul von Hindenburg zu den Feiern vom 18. bis 20. Juni 1925 anreisen werde. Wenige Tage später berichtete er sogar von Plänen der Organisationskommission, Vertreter Österreichs einzuladen, was umgehend auf die Ablehnung des Wissenschafts- und des Außenministeriums stieß.[11] Darüber hinaus mehrten sich in Berlin die Bedenken gegenüber einer Teilnahme des seit dem 28. Februar 1925 amtierenden Reichspräsidenten. Diese Vorbehalte scheinen auch an den Landeshauptmann des rheinischen Provinzialverbandes herangetragen worden zu sein. Am 25. Mai 1925 setzte Johannes Horion den Reichsminister für die besetzten Gebiete, Josef Frenken, davon in Kenntnis, dass man an die Hohe Interalliierte Rheinlandkommission wegen der Teilnahme Hindenburgs an den Feierlichkeiten herangetreten sei. Sowohl die Alliierten, als auch die rheinischen Vertreter befürworteten eine Klärung dieser Angelegenheit durch Vertreter der jeweiligen Staatregierung.[12]


Nachdem Horion am 1. Juni, also weniger als drei Wochen vor den geplanten großen Zentralkundgebungen, noch einmal um eine Teilnahmebestätigung des Reichspräsidenten ersucht hatte, erhielt der Landeshauptmann am 3. Juni 1925 schließlich ein von Hindenburg persönlich unterzeichnetes Schreiben, in dem der Reichspräsident seine Absage mit der „Einarbeitung in mein neues Amt und die mannigfaltigen Pflichten (…) insbesondere der ersten Zeit“ begründete.[13] Der wahre Hintergrund dürfte aber darin zu sehen sein, dass das Außenministerium negative Konsequenzen für die Konferenz von Locarno befürchtete. Diese sollte im Oktober 1925 stattfinden und die Beziehungen des Reichs zu den Siegermächten des Ersten Weltkriegs verbessern.[14]

Dennoch wollte sich Berlin die Chance auf eine positive Darstellung des Reiches nicht entgehen lassen. Daher sagten namhafte Politiker wie der preußische Ministerpräsident Braun und Reichskanzler Luther ihre Teilnahme zu. Darüber hinaus bezuschusste die Reichsregierung die Jahrtausendfeiern zunächst mit 300.000 Reichsmark und erhöhte diese Förderung auf Intervention Horions um weitere 100.000 Reichsmark.[15]


Die Feiern am 18. Juni 1925 sahen zunächst einen Festakt im Düsseldorfer Ständehaus vor, dem am nächsten Tag ein Besuch der Kölner Jahrtausendausstellung folgte. Anschließend lud der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer zu einem Festessen im Gürzenich ein. Den Abschluss der Feierlichkeiten bildeten Veranstaltungen in Koblenz als Sitz des Oberpräsidenten. Reichspräsident von Hindenburg hatte noch am 17. Juni eine Adresse an die Rheinländer gerichtet und die enge Verbundenheit zwischen dem Rheinland und Preußen bzw. den Reich betont: „Kraftvoll und treu hat das Rheinland in schweren Tagen an seiner geschichtlich gewordenen Verbindung mit Preußen, an seinem Zusammenhang mit dem großen deutschen Vaterlande festgehalten. Das ganze deutsche Volk dankt den Rheinländern für diese Ausdauer und diese Hingabe (…)“.[16]

Im der gesamten Rheinprovinz wurden unterschiedlichste Veranstaltungen zur Begehung des angeblichen Millenniums abgehalten, darunter Umzüge, Sportveranstaltungen, Konzerte usw., die teilweise einen eher lokalen Bezug hatten. Eines der Glanzlichter war die Kölner Jahrtausendausstellung, die mehr als 10.000 Exponate präsentierte und über 1,4 Millionen Besucher anzog.[17] Die Feierlichkeiten waren aber keineswegs auf das Rheinland beschränkt. Selbst im fernen ostpreußischen Königsberg nahm man Anteil, da der Rheinländerverein eine sog. Fahnenweihe und einen Festumzug veranstaltete.[18] Zu diesem Zweck hatte die rheinische Provinzialverwaltung einen Fahnennagel zur Verzierung des Fahnenholzes gespendet.[19]


In den Monaten nach den zentralen Feierlichkeiten veränderten sich die politischen Rahmenbedingungen grundlegend. Im Juli 1925 begann die Räumung des besetzten Ruhrgebiets, wobei die Truppen der Besatzungsmächte Ende August aus Duisburg und Düsseldorf abzogen. Nun hatte auch das Außenministerium in Berlin keine weiteren Bedenken gegen eine Reise des Reichspräsidenten an den Rhein. Am 10. September 1925 unterrichtete Hindenburg Landeshauptmann Horion, dass er an Festlichkeiten am 18. und 19. Januar in Düsseldorf teilnehmen wolle. Doch dieses Ereignis wird im September behandelt.


[1] Zur Chronologie der Ereignisse siehe: Portal Rheinische Geschichte (zuletzt besucht: 22.06.2015). Zum Kontext siehe den Sammelband: Der Schatten des Weltkriegs. Die Ruhrbesetzung 1923, hrsg. von Gerd Krumeich und Joachim Schröder (Düsseldorfer Schriften zur neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens 69). Essen 2004.

[2] Siehe: Schlemmer, Martin: „Los von Berlin“. Die Rheinstaatbestrebungen nach dem Ersten Weltkrieg (Rheinisches Archiv 152). Köln, Weimar, Wien 2007.

[3] Müller, Guido: Geschichtspolitik im Westen und Rheinische Jahrtausendfeier 1925, in: Jahrtausendfeiern und Befreiungsfeiern im Rheinland. Zur politischen Festkultur 1925 und 1930, hrsg. von Gertrude Cepl-Kaufmann (Düsseldorfer Schriften zur neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens 71). Essen 2009, S. 38 ff.

[4] Dementsprechend spielt dieses Datum in der heutigen Betrachtung auch keine herausgehobene Rolle. Vgl.: Theis, Kerstin: Die Historiker und die Rheinische Jahrtausendfeier 1925, in: Geschichte im Westen. Jg. 20 (2005), S. 25 ff.

[5] ALVR, Nr. 4898. Johannes Horion nahm diesen Einwand offenbar ernst, da er in einem Schreiben an den Duisburger Oberbürgermeister Jarres, der wie Horion selbst und Konrad Adenauer eine der treibenden Kräfte hinter den Feiern war, eine entsprechende Berücksichtigung des Einwands in der geplanten Festschrift versprach.

[6] Siehe: Haude, Rüdiger: „Kaiseridee“ oder „Schicksalsgemeinschaft“. Geschichtspolitik beim Projekt „Aachener Krönungsausstellung 1915“ und bei der „Jahrtausendausstellung Aachen 1925“ (Beihefte der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 6). Aachen 2000, S. 117.

[7] Die Beschlüsse der beiden Gremien finden sich in: ALVR, Nr. 4897 (16. und 26. Juni 1924).

[8] Siehe: Koops, Tilman: Die rheinische Jahrtausendfeier 1925, in: Das Rheinland in zwei Nachkriegszeiten 1919–1930 und 1945–1949. Ergebnisse einer Tagung des Bundesarchivs in der Universität Trier vom 12. bis 14. Oktober 1994, hrsg. von Tilman Koops und Martin Vogt. Koblenz 1995, S. 101.

[9] Siehe z. B. das Schreiben des Generalsekretariats der Interalliierten Rheinlandkommission an Oberpräsident Fuchs vom 3. März 1925 und die Sitzungsniederschrift des Sicherheitsausschusses vom 4. März 1925. Vgl.: ALVR, Nr. 4897.

[10] Notiz Horions zum vorläufigen Programm der Feiern nach Absprache mit Konrad Adenauer vom 12. Juli 1924. Vgl.: ALVR, Nr. 4897.

[11] ALVR, Nachlass Horion, Nr. 293 (Schreiben an Meissner vom 6. Mai 1925 und vom 11. Mai 1925 an das Ministerium für Wissenschaft und Volksbildung sowie das Antwortschreiben vom 12. Mai).

[12] ALVR, Nr. 4897.

[13]ALVR, Nachlass Horion, Nr. 10 (Schreiben vom 3. Juni 1925).

[14] Wein, Franziska: Deutschlands Strom – Frankreichs Grenze. Geschichte und Propaganda am Rhein 1919–1930 (Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens 33). Essen 1992, S. 137 ff; Pohl, Karl H.: Rheinische Jahrtausendfeier und Locarno-Politik. Zu einigen innenpolitischen Voraussetzungen der Außenpolitik in der Weimarer Republik, in: Rheinische Vierteljahrsblätter. Bd. 43 (1979), S. 315 ff.

[15] ALVR, Nachlass Horion, Nr. 293 (Schreiben an den Vorsitzenden des Reichstagsausschusses für die besetzen Gebiete, Dr. Bayersdörfer, vom 11. Mai 1925 und an den Reichkommissar für die besetzten Gebiete Schmid vom gleichen Tag).

[16] ALVR, Nr. 4903.

[17] Die Ausstellung war damit eine der größten und erfolgreichsten ihrer Zeit. Schmidt, Hans: Die Jahrtausend-Ausstellungen in Aachen, Düsseldorf, Köln sowie Koblenz und Mainz, in: Cepl-Kaufmann, Jahrtausendfeiern, S. 244 und S. 256. Übertroffen wurde sie allerdings noch von der Ausstellung für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen (GeSoLei), die 1926 in Düsseldorf stattfand.

[18] Siehe die Berichte in der Königsberger Hartungsche Zeitung und der Königsberger Allgemeinen Zeitung vom 8.8.1925: ALVR, Nr. 4899.

[19] Das Dankschreiben des Rheinländervereins zu Königsberg in Preußen datiert vom 17. Juni 1925: ALVR, Nr. 4898.

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Weiterführende Quellen und Literatur

  • Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, Nachlass Horion
  • Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, Bestand Archiv der Provinziallandtage
  • Haude, Rüdiger: „Kaiseridee“ oder „Schicksalsgemeinschaft“. Geschichtspolitik beim Projekt „Aachener Krönungsausstellung 1915“ und bei der „Jahrtausendausstellung Aachen 1925“ (Beihefte der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 6). Aachen 2000
  • Koops, Tilman: Die rheinische Jahrtausendfeier 1925, in: Das Rheinland in zwei Nachkriegszeiten 1919–1930 und 1945–1949. Ergebnisse einer Tagung des Bundesarchivs in der Universität Trier vom 12. bis 14. Oktober 1994, hrsg. von Tilman Koops und Martin Vogt. Koblenz 1995, S. 91-102.
  • Schmidt, Hans: Die Jahrtausend-Ausstellungen in Aachen, Düsseldorf, Köln sowie Koblenz und Mainz, in: Jahrtausendfeiern und Befreiungsfeiern im Rheinland. Zur politischen Festkultur 1925 und 1930, hrsg. von Gertrude Cepl-Kaufmann (Düsseldorfer Schriften zur neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens 71). Essen 2009
  • Müller, Guido: Geschichtspolitik im Westen und Rheinische Jahrtausendfeier 1925, in: Cepl-Kaufmann, Jahrtausendfeiern und Befreiungsfeiern im Rheinland, S. 35–57.
  • Pohl, Karl H.: Rheinische Jahrtausendfeier und deutsche Locarno-Politik. Zu einigen innenpolitischen Voraussetzungen der Außenpolitik in der Weimarer Republik, in: Rheinische Vierteljahrsblätter 43 (1979), S. 289–317.
  • Schlemmer, Martin: „Los von Berlin“. Die Rheinstaatbestrebungen nach dem Ersten Weltkrieg (Rheinisches Archiv 152). Köln, Weimar, Wien 2007.
  • Schmidt, Hans: Die Jahrtausend-Ausstellungen in Aachen, Düsseldorf, Köln sowie Koblenz und Mainz, in: Cepl-Kaufmann, Jahrtausendfeiern, S. 229–262.
  • Theis, Kerstin: Die Historiker und die Rheinisch Jahrtausendfeier 1925, in: Geschichte im Westen. Jg. 20 (2005), S. 23–48.
  • Wein, Franziska: Deutschlands Strom – Frankreichs Grenze. Geschichte und Propaganda am Rhein 1919–1930 (Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens 33). Essen 1992.

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