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im Rheinland

13. November 1845 - Eröffnung der Rheinischen Blindenanstalt in Düren am Geburtstag Königin Elisabeths von Preußen

Um 1800 zählten über 80 Prozent der blinden Menschen zu den Unterschichten, weil sie nur durch Betteln oder Almosenempfang ihren Lebensunterhalt bestreiten konnten. Zu dieser Zeit wurden erste politische Maßnahmen im Sozial-, Gesundheits- und Bildungswesen ergriffen, um Menschen mit Behinderung durch Erziehung und berufliche Ausbildung zu einem eigenen gesicherten Auskommen zu verhelfen. Erst im Lichte der Aufklärung wurde blinden oder gehörlosen Menschen Bildungsfähigkeit attestiert. Es galt, ihre soziale Ungleichheit aufzuheben und sie in die Gesellschaft zu integrieren. Doch nur langsam ging die Aufgabe der Fürsorge und Bildung an den Staat über. Zunächst bedurfte es wie schon in früheren Zeiten einzelner Persönlichkeiten, die mit ihrem gesellschaftlichen Einfluss und ihren privaten finanziellen Mitteln die sogenannte Blindenfürsorge grundlegend zu institutionalisieren begannen.[1]

Der Aufruf zur Gründung einer rheinischen Blindenanstalt erfolgte im September 1842 durch den Inhaber der größten deutschen Seiden- und Samtmanufaktur, Kommerzienrat Friedrich Diergardt (1795–1869).[2] Auch wenn er schon längere Zeit einen solchen Plan gehegt haben mag, mit seinem in der ganzen Rheinprovinz erschienenen Appell "An die Rheinländer“ ritt Diergardt auf einer patriotischen Welle, die durch den ersten Besuch des preußischen Königspaares im Rheinland ausgelöst worden war. Friedrich Wilhelm IV. hatte soeben den Grundstein für den Fortbau des Kölner Doms gelegt, doch "nicht Alle, die in diesem herrlichen Lande wohnen, konnten an solcher Freude Theil nehmen", wie Diergardt feststellte.[3] "Die armen Blinden sind durch Gottes unerforschliche Fügung davon ausgeschlossen; sie entbehren sogar der Bildungsmittel jeder Art, und sind zumeist körperlicher und geistiger Verwahrlosung preisgegeben, wenn ihnen nicht auf besondere Weise geholfen wird." Es hätten sich nun etliche Rheinländer verabredet, "eine rheinische Blindenanstalt unter dem Schutze und auf den Namen unserer erlauchten Landesmutter zu errichten. Ihre Majestäten haben diese Idee mit Wärme und Liebe huldreich bewillkommt und die hohe Frau hat in freundlicher Theilnahme geruhet, das Protektorat zu übernehmen und zu gestatten, daß der Anstalt Allerhöchstdero Namen beigelegt werde." Diese öffentlichkeitswirksame Einbindung der Königin Elisabeth von Preußen führte tatsächlich zu einem ungewöhnlich schnellen und hohen Spendenaufkommen. Für die "Elisabeth-Stiftung für Blindenunterricht" kam aus der ganzen Rheinprovinz eine Summe von erst 28.000, später fast 42.000 Talern.[4] Der Tag der feierlichen Eröffnung wurde auf den 13. November 1845, den Geburtstag der Königin Elisabeth festgelegt.


Die Anstalt wurde zwar unter dem Namen der Königin eröffnet, aber der Staat fühlte sich darüber hinaus nicht zuständig. Die Einrichtung wurde vielmehr als Initiative von unten durch private Spenden ermöglicht. Im Gründungskomitee und ersten Verwaltungsrat engagierten sich neben Diergardt weitere lokale Größen: u.a. der spätere Landrat Emmerich Stürtz, der Dürener Bürgermeister Dr. Friedrich Günther, der Fabrikant und Abgeordnete des Provinziallandtags Joseph Wergifosse und der Fabrikant Rudolph Schenkel, die alle aus Düren stammten. Diese Stadt bekam dann auch den Zuschlag als Standort der sozialen Einrichtung, sicherlich auch, weil ein von Schenkel geschenktes ehemaliges Jesuiten-Kolleg als Gebäudekomplex zur Verfügung stand.[5]
Die Anlage war groß genug, um die bis zu 100 minderjährigen Blinden beherbergen zu können, die es laut einer Zählung von 1841 in den ärmsten Bevölkerungskreisen gab.[6] Doch trotz des beachtlichen Grundkapitals reichten die daraus hervorgehenden Zinsen als jährlich zur Verfügung stehende Mittel nicht mal für die Unterbringung, Speisung und Ausbildung eines Fünftels dieser Zielvorgabe. "Von den zur Aufnahme bestimmten 15 Zöglingen waren bis zum Tage der Eröffnung fünf Knaben und ein Mädchen eingetroffen".[7] Über längere Zeit blieben die Belegungszahlen weit hinter den räumlichen Möglichkeiten zurück, vielleicht weil die Angebote für Blinde erst bekannter werden mussten, vielleicht weil alle Aufmerksamkeit der Sozialpolitik von den erschreckenden Ausmaßen des Pauperismus eingefordert wurde.


Der Zweck der Einrichtung war laut den Statuten "die bildungsfähigen Blinden der Rheinprovinz zu erziehen und durch Schulunterricht, so wie durch Aneignung von Geschicklichkeiten, zu nützlichen Bürgern des Staates zu bilden… Die Gegenstände des Unterrichts sind: a) Religion; b) Kenntnisse, welche für Blinde faßlich und von praktischem Nutzen sind; c) Musik; d) technische Fertigkeiten; e) Leibesübungen." Auch über die Dauer der Ausbildung hinaus sollte für die Jugendlichen gesorgt werden: "Bei der Entlassung der unbemittelten Zöglinge wird der Verwaltungsrath möglichst Sorge tragen, daß denselben… ein ihren Fähigkeiten angemessenes Unterkommen verschafft werde, um ihren Unterhalt verdienen zu können".[8] Doch zeigt die Versicherung, dass den erfolgreichen Absolventen eine möglicherweise fortlaufende, "angemessene Unterstützung“ zukommen soll, dass anfänglich kaum Hoffnung bestand, die Blinden könnten nach der Ausbildung ihren Lebensunterhalt allein bestreiten.
Schon bald gefährdeten finanzielle Engpässe die grundlegende Struktur und Entwicklung der Einrichtung, die Versorgung und den Gesundheitszustand der Zöglinge sowie die Besoldung und Qualität der Lehrer. Fünf Jahre nach der Eröffnung wurde konstatiert: "Für die Blinden-Anstalt zu Düren besteht zur Zeit weder eine Instruktion für die betheiligten Personen, noch einen von der Behörde festgesetzten Lections-Plan; viel weniger ist Ziel und Umfang des Unterrichts den Lehrern irgendwie bezeichnet worden, obgleich keiner derselben durch einen Besuch einer anderen Blinden-Anstalt Gelegenheit gehabt hat, sich mit diesem Unterrichte vertraut zu machen." Es folgt eine Schilderung der Untauglichkeit der einzelnen Lehrer, die zum Teil "weder Sinn noch Interesse an der Ausbildung dieser unglücklichen Kinder“ haben.[9]


Eine positive Wendung vollzog sich zwei Jahrzehnte nach der Eröffnung: 1863 übernahm der Provinzialverband die Leitung der Blindenschule, die als Provinzialinstitut auf sichereren Beinen stand und im selben Jahr über dreißig, 1866 bereits über vierzig Blinde beherbergte.[10] 1876 wurde die Blindenschule in die Dürener Nordstadt verlegt und bot nun 120 Zöglingen Unterricht und Ausbildung in Berufen wie Sprach- und Hauslehrer, Organist, Klavierstimmer, Handwerker, Händler und Gastwirt. Ein Viertel der 568 Jugendlichen, die in den ersten 50 Jahren die Blindenschule durchliefen, vollendete zwar die Ausbildung nicht, verdingte sich als Tagelöhner oder blieb erwerbslos. Doch um für die Absolventen immer Nachsorge treffen zu können, wurde 1886 der noch heute, nach über 125 Jahren, bestehende "Rheinische Blindenfürsorgeverein" gegründet. Er nahm sich mittels beträchtlicher Spenden im Folgenden auch der noch nicht ausgebildeten erwachsenen, der erwerbsunfähigen und kranken Blinden sowie ihrer Versorgung im Alter an.[11]


[1] Friedrich Dreves: "…leider zum größten Theile Bettler geworden…": Organisierte Blindenfürsorge in Preußen zwischen Aufklärung und Industrialisierung (1806-1860) (Rombach Wissenschaften Reihe Cultura 4). Stuttgart 1998, , S. 150 ff. (im Folgenden: Dreves).
[2] Kurt Apelt: Friedrich Freiherr von Diergardt, in: Neue Deutsche Biographie 3, 1957, S. 655 [online unter: www.deutsche-biographie.de/pnd116103922.html, Abruf am 28.10.2015].
[3] Alle Zitate dieses Abschnitts in: "Man hat mir gesagt, meine Augen waren blau." 125 Jahre Rheinischer Blindenfürsorgeverein 1886 Düren (Rheinprovinz 20). Düren 2013, S. 86 (im Folgenden: "Man hat mir gesagt…").
[4] Dreves, S. 482ff.
[5] "Man hat mir gesagt…", S. 87 ff.
[6] Die Angaben zur Zahl aller Blinden in der Rheinprovinz schwanken zwischen 342 und 1800 Personen vgl. "Man hat mir gesagt…", S. 89.
[7] Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland (im Folgenden ALVR), Nr. 7750 (unpaginiert, überschrieben: "Düren heut 13. November 1845").
[8] Alle Zitate dieses Abschnitts in: ALVR, Nr. 7750.
[9] ALVR, Nr. 7750 (unpaginiert, überschrieben: "Die rheinische Blinden-Anstalt zu Düren").
[10] ALVR, Nr. 7751 (unpaginiert, überschrieben: "Beilage A"); Dreves, S. 488f.
[11] "Man hat mir gesagt…": S. 107, 109, 112, 120. Ehemals "Verein zur Fürsorge für die Blinden der Rheinprovinz nach ihrem Austritte aus der Dürener Provinzial-Blindenanstalt".


Weiterführende Quellen und Literatur

  • Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, Bestand 5 Taubstummen- und Blindenwesen
  • „Man hat mir gesagt, meine Augen waren blau.“ 125 Jahre Rheinischer Blindenfürsorgeverein 1886 Düren (Rheinprovinz 20). Düren 2013
  • Friedrich Dreves: „…leider zum größten Theile Bettler geworden…“: Organisierte Blindenfürsorge in Preußen zwischen Aufklärung und Industrialisierung (1806-1860) (Rombach Wissenschaften Reihe Cultura 4). Stuttgart 1998
  • „Rheinische Provinzial-Blindenanstalt“, in: Krankenhaus-Lexikon für das Königreich Preussen. Die Anstalten für Kranke und Gebrechliche und das Krankenhaus-, Irren-, Blinden- und Taubstummenwesen im Jahre 1885, bearb. v. Albert Guttstadt. Berlin 1885, S. 221
  • Kurt Apelt: Friedrich Freiherr von Diergardt, in: Neue Deutsche Biographie 3, 1957, S. 655

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