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im Rheinland

1. Juni 1892: Dicke Luft im Ständehaus

Die Beleuchtung wird elektrisch

Freiherr Bernhard von Scheibler und „Genossen“[1] hatten dem 28. Rheinischen Provinziallandtag einen Antrag vorgelegt, dessen Ziel es war, „jedenfalls vor Zusammentritt des nächsten Landtags für eine bessere Ventilation in den beiden Sitzungssälen des Ständehauses Sorge zu tragen.“[2] Für die Umrüstung des erst 1881 bezogenen Ständehauses sollten bis zu 5.000 Mark bereitgestellt werden. In der Sitzung vom 16. Dezember 1882 wurde dieser Antrag mit Prüfaufträgen an den geschäftsführenden Provinzialverwaltungsrat überwiesen. Ausgelöst wurde dies möglicherweise durch einen Bericht im Provinzialverwaltungsrat vom 23. Oktober 1883. In diesem bestätigte man, dass sich die Verbrennungsgase der Gasbeleuchtung mit der Raumluft vermischen würden und dann die Raumluft „in der Stunde wenigstens 8 bis 10 Mal zu erneuern [sei], wenn die Wärme 15 bis 16 R.Grad[3] nicht übersteigen soll“[4]. Die ständige Umwälzung der 2.000 Kubik-Meter betragenden Luftmasse des Sitzungssaals des Provinziallandtags sei ohne Belästigung und gesundheitliche Beeinträchtigung der Abgeordneten nicht realisierbar. Der Einbau neuer Gasbrenner, deren Abluft direkt abgeführt werden könne, brächte mit sich, „dass das Anzünden der Brenner wegen der Höhe, in welcher dieselben anzubringen sein würden, schwierig und wegen der großen Gasmenge, welche hierbei ausströmt, die Gefahr störender Detonationen nicht ausgeschlossen ist“[5].


Daher schlug Wilhelm Fürst zu Wied als Unterzeichner des Berichts vor, die vorhandenen Gaskronen zu nutzen und anstelle der Brenner Glühlichter aufzuschrauben. Zudem sollten die Vorhalle zum Sitzungssaal des Provinziallandtages sowie die angrenzenden Räume der Nordfront in das System einbezogen werden. Da „dem Vernehmen nach“6] die Stadtverordneten-Versammlung der Stadt Düsseldorf den Antrag der Edison Company auf Erteilung einer Konzession zur Errichtung einer „Centralstelle für elektrische Beleuchtung“ abgelehnt habe, müsse ein eigener Motor mit Dynamo beschafft werden. Dieses würde wiederum die Kosten der Elektrifizierung um etwa 17.000 Mark auf circa 24.500 Mark erhöhen.[7] Deswegen beschränkt sich das Referat auf eine Sachdarstellung, und der Provinzialverwaltungsrat macht dem Provinziallandtag keinen Beschlussvorschlag.
Erwartungsgemäß vertagte der Provinziallandtag die Beschlussfassung und gab, im Vertrauen auf eine Kostensenkung, ein neues Projekt in Auftrag: Der Provinzialverwaltungsrat sollte die Kosten für die Elektrifizierung a) nur der beiden Sitzungssäle, b) des gesamten Obergeschosses samt Treppenhaus und Vestibül und c) des Ständehauses im Ganzen (mit Ausnahme „der Flammen in den Dienstwohnungen und im Keller“) gegenüberstellen. Da nach wie vor ein eigener Generator beschafft werden müsste, und die Kosten deutlich höher seien als die der funktionierenden Gasbeleuchtung, kam der Provinzialverwaltungsrat in seinem Referat vom 7. Oktober 1885 zu folgendem Beschlussvorschlag: „Der hohe Provinzial-Landtag wolle von der Einrichtung einer elektrischen Beleuchtung im Ständehaus einstweilen noch Abstand nehmen“.[8] Diesem Antrag wurde am 7. Dezember 1885 entsprochen, und damit ruhte der Vorgang . Sowohl der Leidensdruck der Abgeordneten als auch ihr Innovationsdrang scheinen in dieser Frage nicht ausgeprägt gewesen zu sein, denn auf mündlichen Bericht des Provinzialausschusses (Nachfolger des Provinzialverwaltungsrates) in der Sitzung vom 19. Dezember 1888 wird von der Elektrifizierung erneut Abstand genommen.[9]


Zehn Monate später fragte die Stadtverwaltung Düsseldorf an, ob „für die Räume der dortigen Verwaltung das elektrische Licht und gegebenenfalls in welcher ungefähren Anzahl von Glühlampen begehrt wird“[10]. Hintergrund war die Planung eines städtischen Elektrizitätswerks, im Zuge dessen man sich über die Dimensionierung des nötigen Kabelnetzes orientieren wollte. Die Provinzialverwaltung teilte die gültige Beschlusslage mit und führte dann „2 bis 3 Bogenlichte und 220 Glühlichter“ als erforderlich für die sitzungsfreie Zeit an. Während der Sitzungsperiode sei von 700 Glühlichtern auszugehen.[11] Erneut ruht der Vorgang, bis durch die gedruckten „Bedingungen für die Lieferung von elektrischem Strom aus dem städtischen Elektricitätswerk zu Düsseldorf“ vom 11. November 1890 und die Ankündigung, dass der Betrieb des Werkes voraussichtlich am 1. August 1891 eröffnet werde, eine Änderung in der Sachlage eintritt.[12] Die hierauf entwickelte Beschlussvorlage des Provinzialausschusses vom 2. Dezember 1890 beginnt mit den Worten: „Der Umstand, dass mit der Benutzung der Gasbeleuchtung in den Landtagsräumen des Ständehauses, namentlich aber in den Sitzungssälen eine unerträgliche Wärmeentwicklung verbunden ist, hat schon seit einer Reihe von Jahren zur Erörterung der Frage Anlass gegeben, ob nicht die Gasbeleuchtung durch elektrisches Licht zu ersetzen sein möchte.“[13] Die Beschlussfassung des Provinziallandtages in seiner Sitzung vom 12. Dezember 1890, das Ständehaus und die Dienstwohnung des Landesdirektors an das Elektrizitätswerk anzuschließen, dürfte dann reine Formsache gewesen sein.[14]


Überliefert sind zwei am 22. Dezember 1890 unterschriebene Anmeldebögen [15]. Welcher den Weg zur Stadtverwaltung geschafft hat, ist unklar. In der sich anschließenden Ausschreibung und den eingehenden Angeboten ist von 596 Glühlampen und 6 Bogenlampen die Rede. Die Firma Schuckert & Comp., Zweigniederlassung Köln, erhielt den Zuschlag. Ein Vertrag vom 3. August 1891 kam zur Umsetzung, wobei sich die Detailverhandlungen bis Dezember 1891 hinzogen.[16] Das Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerk zu Düsseldorf installierte neben dem Haupteingang zum Ständehaus einen Kabelkasten. Weil dieser Kasten rund war, gab es Probleme im Übergang zu den umgebenden Steinplatten, welche laut Mitteilung des E-Werkes „gelegentlich der Einführung des Anschlußkabels in das Ständehaus“[17] Anfang August 1891 beseitigt werden sollten. Zur Eröffnung des städtischen Elektrizitätswerkes am 24. Oktober 1891 wurde durch die Stadtverwaltung eingeladen; wann genau zum ersten Mal die elektrischen Lampen glühten, ist leider nicht ermittelbar. Eine Beleuchtungsprobe fand am „Donnerstag den 12. D, M, [Mai 1892] Abends 8 Uhr“ statt; die Abnahme der Anlage durch das E-Werk erfolgte förmlich zum 1. Juni 1892.[18]

Bearbeitung: Rudolf Kahlfeld


[1] Vgl. Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland [ALVR], Bestand Provinzialverband–Organisationsabteilung der Rheinischen Provinzialverwaltung, Nr. 3056. Referat des Provinzialverwaltungsrates vom 23.10.1883.
[2] Vgl. ebenda.
[3] Vermutlich Temperatur nach Réaumur. Umgerechnet entsprechen 15° R etwa 18,75° Celsius.
[4] ALVR, Bestand Provinzialverband–Organisationsabteilung der Rheinischen Provinzialverwaltung, Nr. 3056. Referat des Provinzialverwaltungsrates vom 23.10.1883, Bl. 2 v (blaue Zählung).
[5] Ebenda.
[6] Ebenda.
[7] Ebenda.
[8] ALVR, Bestand Provinzialverband–Organisationsabteilung der Rheinischen Provinzialverwaltung, Nr. 3056. Abdruck der Beschlussvorschlag vom 7. Oktober 1885, Bl. 82 f. (blaue Zählung).
[9] Vgl. ALVR, Bestand Provinzialverband–Organisationsabteilung der Rheinischen Provinzialverwaltung, Nr. 3056. Protokollauszug der Sitzung vom 19. Dezember 1888, Bl. 87 (blaue Zählung).
[10] ALVR, Bestand Provinzialverband–Organisationsabteilung der Rheinischen Provinzialverwaltung, Nr. 3056. Schreiben des Oberbürgermeisters vom 11.10.1889, Bl. 89 (blaue Zählung).
[11] Vgl. ALVR, Bestand Provinzialverband–Organisationsabteilung der Rheinischen Provinzialverwaltung, Nr. 3056. Schreiben der Provinzialverwaltung vom 05. 11. 1889, Bl. 90 (blaue Zählung).
[12] Vgl. ALVR, Bestand Provinzialverband–Organisationsabteilung der Rheinischen Provinzialverwaltung, Nr. 3056. Gedrucktes Rundschreiben des Oberbürgermeisters Marx vom November 1890 und gedruckte Lieferungsbedingungen, Bl. 92 ff. (rote Zählung).
[13] ALVR, Bestand Provinzialverband–Organisationsabteilung der Rheinischen Provinzialverwaltung, Nr. 3056. Beschlussvorlage vom 2.12.1890, Bl. 67 ff. und 104 ff. (rote Zählung).
[14] Vgl. ALVR, Bestand Provinzialverband–Organisationsabteilung der Rheinischen Provinzialverwaltung, Nr. 3056. Protokollauszug, Bl. 111 (rote Zählung).
[15] ALVR, Bestand Provinzialverband–Organisationsabteilung der Rheinischen Provinzialverwaltung, Nr. 3056. Anmeldebögen des Städtischen Elektricitätswerks Düsseldorf, Bl. 107 und 108 (rote Zählung).
[16] Vgl. ALVR, Bestand Provinzialverband–Organisationsabteilung der Rheinischen Provinzialverwaltung, Nr. 3056. Vertragsausfertigung, Bl. 136 ff (blaue Zählung).
[17] Vgl. ALVR, Bestand Provinzialverband–Organisationsabteilung der Rheinischen Provinzialverwaltung, Nr. 3056. Schreiben der Provinzialverwaltung vom 20.07.1891 mit Skizze der Aufstellung, Antwort des E-Werks vom 28.07.1891, Bl. 133 und 134 (blaue Zählung).
[18] Vgl. ALVR, Bestand Provinzialverband–Organisationsabteilung der Rheinischen Provinzialverwaltung, Nr. 3056. Schreiben der Provinzialverwaltung vom 09.05.1892 und Verhandlungsniederschrift vom 01.06.1892; Bl. 260 und 272 (blaue Zählung).

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Weiterführende Quellen und Literatur

  • Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland [ALVR], Bestand Provinzialverband–Organisationsabteilung der Rheinischen Provinzialverwaltung, Nr. 3056.
  • Die Provinzialdienstgebäude, von Landesoberbaurat Baltzer, in: Horion: Die Rheinische Provinzialverwaltung; ihre Entwicklung und ihr heutiger Stand, Düsseldorf 1925, S. 603 ff.
  • Armin Zweite (Hrsg.): Das Ständehaus in Düsseldorf 1875-2002; die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im Ständehaus; [anlässlich der Eröffnung von K21 Kunstsammlung im Ständehaus am 18. April 2002], Köln 2002.
  • Landtag an den Rhein! Rettet das Ständehaus (Dokumentation, Zeitungsmeldungen-Sammlung), Erweiterter Sonderdruck aus den Düsseldorfer Heimatblättern "Das Tor" 10/77, 11/77, 3/78 und 4/78, Düsseldorf [1978].
  • Ines Wagemann: Das Ständehaus in Düsseldorf. in: Rheinische Heimatpflege 32(1995), H. 1, Köln 1995, S. 64.

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