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11. Februar 2026

„Mittwochs im Archiv“ startet mit großem Publikumsinteresse

Am 4. Februar 2026 startete die Vortragsreihe „Mittwochs im Archiv“. Zahlreiche Zuhörer*innen verfolgten um 18 Uhr den Vortrag von Frau Dr. Annalisa Martin zum Thema „Arbeitsscheu im Wirtschaftswunder – Mikrogeschichten der Arbeitsanstalt Brauweiler nach 1949“.

Im Mittelpunkt des Abends stand ein auf drei Jahre angelegtes Postdoc-Projekt von Frau Dr. Martin an der Universität Glasgow mit dem Titel „Confining deviance. A microhistory of a West German workhouse“. Darin untersucht sie die Lebensgeschichten von Insass*innen der Arbeitsanstalt Brauweiler in den 1950er und 1960er Jahren und fragt auch danach, wie sich deren Biografien vor und nach der Unterbringung rekonstruieren lassen.

Ihre Forschung stützt sich vor allem auf Einzelfallakten aus dem Archiv des LVR, wird jedoch durch Recherchen in weiteren Archiven ergänzt. Denn viele der Betroffenen haben – abgesehen von amtlichen Unterlagen – kaum dokumentarische Spuren hinterlassen. Die Rekonstruktion individueller Lebenswege erfordert daher eine aufwendige, oft detektivische Spurensuche. Gerade diese mikrohistorische Herangehensweise eröffnet neue Perspektiven auf ein bislang wenig erforschtes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Wie eindrücklich und berührend die untersuchten Schicksale sein können, verdeutlichte Frau Dr. Martin anhand der Biografien von Else K. und Stefan D., die beide in der Arbeitsanstalt Brauweiler inhaftiert waren – Else K. sogar mehrfach. An diesen Beispielen wurde sichtbar, welche sozialen Zuschreibungen und institutionellen Praktiken den Alltag der Betroffenen prägten. Das Publikum folgte den Ausführungen aufmerksam und zeigte sich deutlich bewegt.

In der anschließenden Diskussion wurde unter anderem die Frage nach der Wirkung der sogenannten Korrektionshaft aufgegriffen. Auf Grundlage der im Archiv des LVR überlieferten Akten lasse sich diese nicht abschließend beantworten, erläuterte Frau Dr. Martin. Der wiederholte Aufenthalt von Else K. in der Arbeitsanstalt Brauweiler könne jedoch darauf hindeuten, dass die Maßnahmen kaum nachhaltige positive Effekte hatten. Die lebhafte Fragerunde unterstrich das große Interesse an Thema und Forschung und bildete einen gelungenen Auftakt des Vortragsjahres.

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