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12. Mai 2020

Praktikum im Home-Office – Ein Erfahrungsbericht von Verena Limper

Ein Praktikum vom Home-Office aus zu machen, ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Schließlich ist das Ziel eines Praktikums, praktisch und vor Ort neue Erkenntnisse und Fähigkeiten in einem Arbeitsfeld zu sammeln.

Aufgrund der Covid-19-Pandemie musste also der Begriff des Praktikums mit neuem Leben gefüllt werden. Dieser kurze Beitrag soll zeigen, inwiefern dies gelungen ist.

Das Praktikum beim LVR-AFZ begann am 2. März 2020, als die Covid-19-Epidemie noch in weiter Ferne schien. Zusammen mit Chiara Mastandrea, die zur selben Zeit ihr Praktikum begann, startete die erste Woche damit, alle Mitarbeitenden kennenzulernen und auch schon erste Aufgaben zu bearbeiten. Wir wurden sehr gut empfangen und haben uns schnell in den sozialen Rhythmus der Abteilung integriert. Ein Highlight der ersten beiden Wochen war ein Außentermin in den Rheinischen Adelsarchiven in Ehreshoven, bei dem wir Archivalien umkartonierten und einen spannenden Einblick in die Geschichte des Rheinischen Adels erhielten. Im Archiv des LVR lernten wir die Maßnahmen des Integrated Pest Management (IPM) kennen, bei dem wir – mit Lupe und Taschenlampe bewaffnet – den Papierfischchen zu Leibe rückten. Als emotional nahegehend und physisch anstrengend stellte sich ein Termin mit der Bibliothekarin Martha Blancbois heraus, bei dem Bücher aus der Privatsammlung eines ehemaligen Mitarbeiters für die LVR-Bibliothek übernommen wurden.

Als Praktikantinnen sollten wir besonders eng in die Vorbereitung der Tagung „Archivierung von Unterlagen aus digitalen Systemen (AUdS)“ eingebunden werden, die für Ende März geplant war. Aber hier wurden schon früh erste Bedenken laut, ob die Tagung überhaupt stattfinden könne; erste Absagen aus dem Ausland erreichten die Tagungsleitung. Weitere Termine in verschiedenen Stadtarchiven im Rahmen der Archivberatung sowie ein Besuch der Werkstatt für Papierrestaurierung waren schon in Planung, als langsam deutlich wurde, dass sich der Alltag in den kommenden Wochen deutlich verändern und auch vor dem Praktikum nicht haltmachen würde.

Am Montag, den 16. März, wurde dann in Abstimmung mit Herrn Dr. Patt und Herrn Dr. Langbrandtner die Option besprochen, das Praktikum im Home-Office fortzusetzen – weder Frau Mastandrea noch ich wollten das Praktikum komplett abbrechen, vor allem, weil zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar war, wie lange der angekündigte Shut Down andauern würde. Es von zu Hause aus fortzusetzen, schien daher eine praktikable Möglichkeit zu sein, auch wenn wir so auf viele praktische Eindrücke verzichten mussten. Insbesondere auf die geplanten Besuche in verschiedenen anderen Archiven und der Werkstatt hatten wir uns schon gefreut, denn das Praktikum in der Archivberatung hat den großen Vorteil, dass man einen breiten Überblick über verschiedene Archivformen erhalten kann. Auch die AUdS-Konferenz, die einen spannenden Einblick in die Frage der digitalen Langzeitarchivierung geboten hätte, war zu diesem Zeitpunkt bereits verschoben worden.

Viele andere Aufgaben konnten wir aber ebenso gut am eigenen Computer durchführen, wie das Lektorat von Beiträgen für einen Tagungsband und Paläografieübungen, die dann leider nicht am Original, sondern am Digitalisat vorgenommen werden mussten. Anhand von Gutachten zu verschiedenen Kommunalarchiven war es dann doch möglich, zumindest in der Theorie und anhand von Fotos, einen Eindruck von den Herausforderungen der kommunalen Archivpflege zu erlangen. Nach drei Wochen verabschiedete sich Chiara Mastandrea, deren Praktikum kürzer angelegt war. Es hat sehr viel Spaß gemacht, mit ihr gemeinsam Lösungen für Anfragen zu finden und sich über das Textlektorat auszutauschen.

In den letzten drei Aprilwochen war ich dann „allein“ im Home-Office, aber per Telefon und E-Mail im ständigen Kontakt mit Herrn Dr. Patt und Herrn Dr. Langbrandtner, die mir neue Aufgaben zukommen ließen und Rückmeldungen zu meinen erledigten Aufgaben gaben. Immerhin konnte ich einen Tag nach Brauweiler ins Büro kommen, wo mir Herr Senk eine kurze Einführung in die digitale Langzeitarchivierung gab – ein Teil der archivarischen Arbeit, die nur schwer anhand von Texten erarbeitet werden kann.

Mein Resümee: Auch im Home-Office konnte ich einen guten Einblick in verschiedene Bereiche des archivischen Berufsfeldes erhalten. Viele der Aufgaben ließen sich auch vom Heim-PC aus bearbeiten. Einige Nachteile lassen sich allerdings nicht von der Hand weisen, etwa der Mangel an sozialen Kontakten und Gesprächen, bei denen viel informelles Wissen vermittelt wird und ein lebendigerer Eindruck entsteht, als ihn jeder Text vermitteln kann. Auch die Arbeit an historischen Originalen bei Paläografieübungen ist einfach nicht durch ein Digitalisat zu ersetzen. Dennoch bin ich froh, dass ich trotz Corona-Krise das Praktikum fortsetzen konnte, und habe mich sehr über die Unterstützung durch die LVR-Mitarbeitenden und insbesondere durch Herrn Dr. Patt und Herrn Dr. Langbrandtner gefreut. Als Ausnahme in einer Ausnahmesituation ist ein Praktikum im Home Office also durchaus möglich!

Bericht und Foto: Verena Limper